Was wird der saure Regen in hundert Jahren mit den Seen in Mittel- und Nordeuropa sowie im Osten der Vereinigten Staaten angerichtet haben? Unmöglich zu sagen?

Nicht ganz. Denn hoch im Norden Kanadas, in den „Smoking Hills“, läuft seit gut einem Jahrhundert ein natürliches Experiment mit saurem Regen – mit wenig ermutigenden Ergebnissen.

Die „Rauchenden Hügel“ bestehen aus 30 Kilometer langen, langsam brennenden Klippen am Ufer des Arktischen Ozeans unweit von Kap Bathurst, einem unwirtlichen Gebiet im Nordwesten Kanadas, das etwa so weit nördlich liegt wie das europäische Nordkap. Die Klippen enthalten teerartigen Schiefer mit feinverteiltem Schwefel. Sie müssen seit mindestens 150 Jahren brennen, da sie schon 1828 von dem britischen Seefahrer Sir John Franklin beschrieben worden waren.

Nun berichten die beiden Kanadier Magda Havas und Thomas Hutchinson in der Wissenschaftszeitschrift Nature, welche Folgen das Feuer in den Smoking Hills für die umgebende Tundra hat. Das Forscnerpaar von der Universität Toronto hatte erkannt, daß der schwefelhaltige Qualm eine ähnliche Wirkung wie der saure Regen hat (der ja unter anderem aus der Verbindung von Schwefeldioxid aus Verbrennungsprozessen und der Feuchtigkeit der Luft entsteht).

Die Seen der Region enthalten zum größten Teil alkalisches Wasser (neutrales Wasser weist einen pH-Wert von sieben auf; höherliegende Werte zeigen ein alkalisches, auch basisch genanntes Milieu an, tieferliegende ein saures). Im Einzugsbereich des sauren Rauchs werden die alkalischen Bestandteile des Wassers zumeist Karbonate – neutralisiert; anschließend versauern die Seen.

Die Folge: Keine einzige Lebensform aus den alkalischen Seen scheint in den sauren Gewässern überlebt zu haben. Dennoch fand das Forscherpaar keinen Tümpel ganz ohne Leben, egal wie groß die Belastung war.

Die säurewiderstehenden Lebewesen müssen ungewöhnliche Eigenschaften haben, da sie auch hone Metallkonzentrationen ertragen. Denn die Säure löst Metalle aus dem Boden. Einige Seen weisen, wie die beiden Forscher schreiben, „extrem hohe Konzentrationen an Aluminium, Eisen, Mangan und Zink auf, aber auch potentiell giftige Anteile von Nickel, Kadmium, Uran, Vanadium und Arsen“. In den alkalischen Gewässern lassen sich Metallspuren dagegen kaum nachweisen.