Tizian hat ein Bild gemalt, das zu den Meisterstücken des venezianischen Manierismus zählt. Es heißt: „Die Marter des Hl. Laurentius“ und zeigt, wie der Märtyrer auf einem Feuerrost zu Tode gefoltert wird. Daß er seinem Glauben nicht abschwor, hat ihm die Legendenbildung recht gelohnt. Die Tränen des standhaften Heiligen fallen als Sternschnuppen am zehnten August auf die Erde zurück. Der Wunsch, bei ihrem Anblick gefaßt, soll in Erfüllung gehen. Die Legende lebt von dem Wunder, das Glaube, Liebe, Hoffnung stets erneut vollbringen. Aber wer den Preis für das gewünschte Glück bezahlt, das hat der bloß Wünschende leicht vergessen.

Dieses Schauspiel habe ich in der Nacht des 10. August 1982 auf der Piazza Grande beim Filmfestival in Locarno unter 4000 Zuschauern als Film erlebt. Es war „Die Nacht von San Lorenzo“.

Der neue Film der Brüder Paolo und Vittorio Taviani ist eine Legende, die den Preis der Idylle – das Martyrium – nicht unterschlägt. Er liest die Legende rückwärts. Er verwandelt die Sternschnuppen in Tränen, ohne an Poesie zu verlieren, die in den Metamorphosen des Alltags, den Legenden, steckt. Wenn die Tavianis demnächst vorhätten, Ovid zu verfilmen, könnte ein solches Unterfangen ihr Publikum nicht weniger befremden und begeistern als dieser Film. Ganz unverschämt greift er naive Formen des Erzählens auf. Denn die Beschwörung der realen Geschichte ihres Herkunftsortes kraft ihrer Phantasie ist den Tavianis ja ebensogut Realität wie die als historisch geltende Geschichte. Ihre ausschweifende Poesie macht aus der Geschichte, was sie als steifleinerne Historie nie war: ein Fest.

Mit ihrem vorletzten Film „Die Wiese“ setzten sie das Fest vielleicht auf die zu hohen, ungelenken Stelzen der Utopie und stürzten ab. Dieses Mal holten sie sich für das Drehbuch Tonino Guerra zu Hilfe, den langjährigen Szenaristen von Francesco Rosi. Der kontrollierte die Wildheit ihrer Einfälle. Weiterer Ko-Autor ist ein freundschaftlich mit Vornamen genannter Giuliani. Dahinter verbirgt sich ein Freund der Regisseure, der Produzent des Films De Negri.

Die Rolle des unerschütterlich weisen, zum Vater idealisierten Anführers der abtrünnigen Dorfbewohner, denen die Gnade des Überlebens winkt, spielt Omero Antonutti. Zuschauer der Taviani-Filme kennen ihn aus „Padre Padrone“, wo er den verstockten Vater darstellte. Margarita Lonzano spielt die Signora, die sich nach unten sozialisiert, die ihr Haus verliert und eine Welt gewinnt, so, daß man sie nicht vergessen kann. Den Altweibersommer im Dorfe San Martino erlebt sie nicht allein. Auf italienisch sagt man: „ein Sommer des San Martino.“ Die ganze Ortschaft erlebt einen trügerischen zweiten Sommer. Das Vakuum zwischen Faschismus und Demokratie, wird abgelöst durch die Befreiung. Als die eintritt, verkündet eine junge Bäuerin, daß nicht ein Wetter herrscht, sondern zwei: „Es regnet und die Sonne scheint.“

Die Einladung zum jüngsten Fest der Tavianis gilt einem Sommerfest der wünsche und der Tränen. Wie eine Bühne ist die Aussicht in die toskanische Nacht hergerichtet. Aus einem Fenster, neben dem ein kleiner Fernseher nichts mehr als seine Überflüssigkeit zu melden hat, fliegt der Blick zu den Sternen. Eine sanfte Frauenstimme erzählt einem Kind eine Gutenachtgeschichte. Eine andere Geschichte: die eigene, die böse Nacht des 10. August 1944. Längst hatte Italien kapituliert. Noch kämpfen fanatische Faschisten und deutsche Wehrmacht weiter gegen die Alliierten. Partisanen bereiten die Befreiung vor.

Die Stimme gewinnt erst im Schlußbild einen Körper, aber nicht der Körper gewinnt Kontur im Film, sondern die Stimme, die das Erzählen zum Akt erfüllter Tradition macht. So körperlos wird dieser Vorgang, daß nur noch ein Raunen das Imperfekt beschwört. Daraus spinnt sich kein Stil, sondern nur das Gewebe kollektiver Erinnerung. Eine Dorfchronik klingt an. Ein Chorgesang kann sich daraus entwickeln, der die Helden besingt, die sich durch Tatkraft und Mut zum Aufbruch eine Zukunft retten.