Von Barbara Ungeheuer

Melden Sie mich dem Prinzen Nikita“, bitte ich den Pförtner am Eingang zu einem jener grauverklinkerten Wohnsilos, die seit den sechziger Jahren Manhattans feine Eastside verunstalten. „Bei uns gibt es keine Prinzen oder Könige, Lady, wir sind hier in Amerika“, belehrt mich der graulivrierte Mann. Immerhin weiß er, daß Mr. Romanow im siebten Stock wohnt.

Das kürzlich erschienene Familienalbum der Romanows, eine Sammlung verlorengeglaubter Photos aus dem Familienalltag des letzten Zaren aller Reußen, ist Anlaß für den Besuch bei Prinz Nikita Mihailovich Romanow. Auf dem Weg durch die endlose Halle, Verkehrszone für die über tausend Mieter, vorbei an Gummibaumplantagen und Neo-Bauhaus-Sesselgarnituren, repetiere ich noch einmal die prinzlichen Verwandtschaftsverhältnisse. Großherzogin Xenia war die Schwester des letzten Zaren und ist die Großmutter von Prinz Nikita. Sein Großvater Alexander war der Enkel von Nikolaus I. und Vetter zweiten Grades von Nikolaus II. Stammbaumlesen bei den Romanows ist Algebrakunst mit zehn Bekannten. Jeder ist mit jedem verwandt: jene, die die Idee eines Imperiums noch immer repräsentieren mit denen, die die Macht über Klein- und Großimperien schon lange verloren haben.

Prinz Nikita öffnet die Tür. Er ist hochgewachsen und schlank, vielbeschriebene Familiencharakteristik der Romanows. Unter der Uniform des heutigen Freizeitbürgers – Kamelhaarjacke, Flanellhose und Bondstreet-Schuhe – vermeint man sogleich das auferlegte Korsett jahrhundertelang geübter Distanz zu spüren.

Prinz Nikitas jüngerer Bruder Alexander freilich hatte am Telephon keinen Zweifel an der Romanowschen Hauspolitik gelassen, als er mit wohltemperierter Stimme in wunderbarem Oxford-Englisch meinte: „Es ist mir nicht möglich, Ihnen ein Interview zu gestatten. Die Romanows bieten schon lange keinen Stoff mehr für Nachrichten.“ Freilich darf man nur einen Märchenprinzen der Lüge strafen, und so blieb ich stumm über mehrere Zeitungsartikel gebeugt, die Prinz Alexanders rauschendes Fest in jener Novembernacht beschreiben, in der die Bürger der USA anno 1982 auf das Ergebnis der Wahl ihrer Volksvertretung warteten. Im zweistöckigen Apartment an der Fünften Avenue, das Prinz Alexanders italienische Frau, Prinzessin Mimi, „ihr Juwel“ nennt, feierten die Romanows und New Yorks russische Nobelwelt die Ahnen, die einmal wahllos regierten. Bei 400 Dollar, die das Pfund jetzt kostet, mußte es auch bei den Romanows kein Kaviar mehr sein. Wodka, Räucherlachs auf Pumpernickel und Steak Tatar reichten aus, um den . über hundertseitigen Bildband aus der Taufe zu heben.

Viele der Photos, die „Onkel Niki“ und „Tante Alexandra“ mit ihren fünf Kindern beim Tennisspiel, Langlauf und Rudern, beim Stricken, Sticken und Jagen, im Boudoir, auf hoher See oder in den Gärten der Sommerpaläste zeigen, waren auch für den Historiker der Familie, Prinz Nikita, neu. Die Aussagen der Photos erstaunen ihn nicht. Das Selbstporträt der Familie en prive ist rührend. Die peinvolle Bluterkrankheit des einzigen Sohnes und Thronfolgers Alexis überschattet den Zarenalltag bis zum bitteren Ende. Rasputins Umtriebe im kaiserlichen Haushalt wurde auch von der privaten Kamera verheimlicht. Sie beleuchtet dagegen Alexandras Krankenpflege in Kriegslazaretten. Das letzte Bild – wenige Wochen vor der Ermordung der Familie – zeigt Vater und Sohn beim Holzsägen.

Sechzig Jahre sollten vergehen, bis Robert Massie bei den Recherchen für seine Biographie „Nikolaus und Alexandra“ in einem Panzerschrank der Yale-Universitätsbibliothek auf einen Stoß vergilbter Photos stieß. Im Vorwort zum „Romanov Family Album“ beschreibt er du wundersame Reise der letzten Zarenphotos in die Neue Welt. Anna Vyrubova war Freundin und Vertraute der Zarin, einer Enkelin von Königin Victoria und Tochter des Prinzen von Hessen-Darmstadt. Auch Anna nahm am beliebten Zeitvertreit der Zarenfamilie teil, wenn sie während der langen russischen Winternächte Schnappschüsse aus der Sommerzeit auf der Krim, den polnischen Jagdgefilden und den Windjammerreisen auf der Ostsee auswählten und sich an den eigenen Photomontagen erfreuten. Hunderte dieser Photos hatte Anna, die nach der Abdankung des Zaren noch die Oktoberrevolution, den Bürgerkrieg, den Frieden von Brest-Litowsk erlebte. Ausgerechnet Maxim Gorki sollte sie überzeugen, 1920 nach Finnland zu flüchten, um dort ihre Memoiren einer Hofdame zu schreiben.