ARD, Sonntag, 23. Januar: „Als das Fernsehen laufen lernte“, Peter von Zahn wird 70

Wie ein Baron spricht er, der seinem Verwalter in geduldiger Rede, freundlich, aber mit einer winzigen Spur von Herablassung, die Vorteile rationeller Bewirtschaftung erklärt mit langen Pausen zwischen Satz und Satz und ebenso langen zwischen Adjektiv und Substantiv, dem Subjekt und dem Objekt innerhalb eines Satzes – so, als wollte er sagen, der Herr Baron: Man achte, bitte sehr, auf jedes einzelne Wort und bedenke, daß Komma und Semikolon für mich die gleiche Karätigkeit haben wie der Punkt. In jeder Winzigkeit steckt der Sinn so gut wie im Ganzen – und in den Pausen so gut wie im Text.

Da redet einer im Hochdeutsch der gebildeten Stände von einst, der sein liebes Sächsisch gleichsam auf dem Umweg über das Oxford-Englisch zu einem Kunstidiom eigener Prägung hinaufstilisiert, jenem Lessing-Sächsiscn, das, dank eines Grans von Manierismus, anzeigt, wie mustergültig es ist.

Von Peter von Zahn ist die Rede – einem Journalisten, der seit Kriegsende zu den wenigen Publizisten gehört, deren Duktus unverwechselbar ist: Verve und Distanz kommen zusammen, zur Parteilichkeit fügt sich das scheinbar interesselose Wohlgefallen am behandelten Stoff, Engagement und freundliche Duldung (auch des Fremden), Neugier und Kälte (die sich in heiterer Herablassung zeigt) gehören zusammen.

Vom Eigenen und Eigentlichen gab er nicht viel preis, Peter von Zahn, im Gespräch mit Rolf Seelmann-Eggebert, wurde auch wenig gefordert, sondern eher, aus Anlaß seines siebzigsten Geburtstags, höflich gefeiert. Schade, ein bißchen genauer hätte es der Betrachter am Bildschirm schon gern gewußt: Der studierte Herr von Zahn – über welches Thema promovierte er und wie hielt er, der dem Parteienregiment in den Rundfunkanstalten so feindlich Gesinnte, es seinerseits mit der Bindung an eine Partei?

Und dann, und vor allem, das Entzücken, das diesen großen Routinier und immer neu Begeisterten – Peter von Zahn, den Meister der geschliffenen Rede –, im Hinblick auf die neuen Medien ergreift –, wie reimt sich das auf sein Bekenntnis zum Pluralismus: muß er nicht fürchten – gerade er! –, daß die Mächtigen künftig noch entschiedener als jetzt bestimmen werden, was dem Seher frommt und was nicht? Daß die Unverwechselbaren aussterben werden unter den Journalisten und die Gesichtslosen übrigbleiben in einem System, das, anders als das Fernsehen wie es jetzt ist, dem Widerborstigen keine Chance gibt, seine kritische Einstellung sichtbar zu machen? (Wie würde wohl ein kommerziell betriebener Privatsender reagieren, wenn ihm jemand so die Leviten läse wie Peter von Zahn, in engagierter Rede, den Rundfunkanstalten?)

Höflichkeit: wer würde sie nicht akzeptieren? Aber ein Peter von Zahn, denke ich, hätte als Hommage doch auch den Widerspruch verdient, die Einrede, den Verweis aufs Schund- und Werbefernsehen amerikanischer Machart zum Beispiel, die Gegenmeinung, die auf ein drohendes Kabelfernsehen abgehoben hätte, in dem es statt des einen Zahns nur jene vielen kleinen Zähnchen geben wird, denen kein liberaler NWDR von 1946 und kein Hugh Carlton Greene die Chance geben wird, sie selbst zu sein. Sie selbst: wie Peter von Zahn in der ihm eigenen Rede mit den dramatischen Pausen und mit Sätzen, die nie so recht wissen, ob sie nun mit einem Frage- oder mit einem Ausrufezeichen enden sollen und eben deshalb so überzeugend wirken. Überzeugend in ihrer bescheidenen Anmaßung, überzeugend dank der taubenfüßigen Imperative, die verdeutlichen, wie sie sich ausnimmt, die konservative Publizistik von Rang: ein Journalismus, der auf Faktenvermittlung eingeschworen zu sein scheint und in Wahrheit mit Raffinement, listigem Unterstapeln und einer Souveränität, die sich nonchalant zu tarnen versteht, das Beschriebene handfest interpretiert. Jawohl, das muß einer können!

Glückwunsch von einem kritischen Bewunderer, der schon anno ’45 dem Kommentator von Radio Hamburg lauschte – mit dem gleichen Respekt wie hier und heute. Momos