Seien Sie ehrlich“, sagte er, „Lügen sie manchmal? Nein? Dann brauchen wir uns nicht länger zu unterhalten ... doch? Und wie ist das, wenn Sie lügen? Wie fühlen Sie sich? Schlecht? Sie müßten sich doch allmählich daran gewöhnt haben, wenn Sie öfter lügen. Ich will Ihnen sagen, weshalb Sie sich schlecht fühlen. Nicht, weil das Gewissen drückt oder der kategorische Imperativ droht. Es ist Ihnen unangenehm, weil es viel anstrengender, aufwendiger ist, zu lügen, als die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit liegt immer auf der Hand, die Lüge erfordert Arbeit, Geistesarbeit. Die Lüge ist eine Leistung. Kein Wunder, daß sie in unserer leistungsfeindlichen Gesellschaft nicht honoriert wird. Sie ist verpönt. Wahrheitsapostel beherrschen die Szene und Knallen ihren Mitmenschen jede beliebige Wahrheit ins Gesicht. Eben gehen auseinander, Familien splittern, Beziehungskisten knirschen in allen Fugen unter dem neuen Wahrheitsdruck. Die sich für die Wahrheit stark machen, sind meistens zu dumm, eine halbwegs raffinierte Lüge zustande zu bringen. Mit treuherzigem Augenaufschlag plädieren sie für die Wahrheit, weil ihnen nichts Besseres einfällt.“

„Den Politikern“, sagte er, „wirft man immerzu vor, daß sie lügen. Mein fürchterlicher Verdacht ist, daß sie die Wahrheit sagen. Natürlich nicht die Wahrheit, die gibt es ohnehin nicht. Sie sagen ganz schlicht und nicht sehr ergreifend ihre Wahrheit. Zum Beispiel der Frieden. Kohl ist für den Frieden, Genscher auch. Strauß ist für den Frieden, Vogel auch. Die lügen doch alle, sagen die Friedensfreunde. Schön, wenn es so wäre. Schön, wenn wenigstens einer ein Metternich unserer Tage wäre und die Kunst der Lüge berherrschte und uns dieser Kunst für wert hielte, sich wenigstens ein bißchen Mühe gäbe, Phantasie walten ließe. Aber nein, alle sind sie subjektiv völlig ehrlich, absolut harmlos. Sie plädieren für den Frieden, sie glauben an das, was sie sagen, so aufrecht, unraffiniert, hilflos, daß man ihnen gar nichts mehr entgegnen kann als nur noch: Ich bin auch für den Frieden. Man kann sie nicht angreifen. Gegen Leute, die immer die Wahrheit sagen, ist man absolut machtlos.“

„Der allgemeine Verfall der Lüge“, sagte er, „hängt mit dem Verfall von Sitte und Konvention zusammen. Das Kompliment, der Handkuß, die Verbeugung, all diese lang erprobten Formen gesellschaftlicher Lüge sind völlig heruntergekommen. Ich erscheine im Büro, und meine Kollegin sagt: Sie sehen heute blaß aus, haben Sie schlecht geschlafen? Und sie erwartet natürlich, daß ich antworte: Ja, ich habe heute Nacht von meinem Vater geträumt. So weit ist es gekommen, daß man sich gegenseitig mit Wahrheiten peinigt, aus Langeweile, aus Indiskretion, aus Rachsucht. Und vor allem aus Bequemlichkeit. Eine anständige Lüge erfordert nämlich sprachliches Talent, logisches Denken. Sie muß sitzen, da müssen die einzelnen Teile zusammenstimmen, das Ganze muß harmonisch sein, ich behaupte sogar: ästhetisch. Das beherrscht heute keiner mehr. Ein schlampiges Wahrheitsgefasel macht sich überall breit.“

„Die letzte Heimstatt der Lüge“, sagte er, „war bislang die Kunst. Vorbei, vorbei. Unerbittliche Wahrheitssucher belästigen uns mit ihrer schlechten Unmittelbarkeit. Kaum fühlt einer was, schon muß es raus auf die Leinwand, kaum hat einer für sich eine Wahrheit seines miefigen Lebens aufgetan, schon macht er schonungslos einen Roman daraus und nennt seine Einfallslosigkeit authentisch. Wahrheiten überall, das ist nicht mehr auszuhaken.“

„So sind Sie also ein Lügner?“ fragte ich.

„Mein Gott!“ entgegnete er. „Jetzt wollen Sie wohl auf den alten Satz hinaus: ein Kreter sagt, alle Kreter lügen. Mit diesem Spruch hat das Elend der sogenannten Wahrheit angefangen. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, daß wir sie finden.“

Ulrich Greiner