Das DGB-Wochenblatt Welt der Arbeit wollte den „bürgerlichen“ Zeitungen den Rang ablaufen: Noch bevor die Aufsichtsräte der Neuen Heimat den brisanten Bericht der Wirtschaftsprüfergesellschaft Treuarbeit über Albert Victor, den ehemaligen Chef des Wohnungsbaukonzerns, in der Post fanden, sollte die Welt der Arbeit mit ihrem Bericht auf dem Markt sein.

So war es abgesprochen. Doch bevor es soweit war, händigte die Pressestelle der Neuen Heimat einer Handvoll Journalisten eine Kurzfassung des Berichts aus.

Die wütende Reaktion der Welt der Arbeit, deren Redaktion sich tagelang durch den schwierigen 250 Seiten langen Bericht gekämpft hatte und die sich nun um das Erstgeburtsrecht gebracht sah, war ein Fernschreiben an den Neue-Heimat-Sprecher Bier mit der schlichten Anrede „Kollege Bier“: „Was jetzt gelaufen ist, nenne ich eine unkollegiale, große Schweinerei.“

Auch der DGB-Vorsitzende Ernst Breit soll getobt haben, als er von der Eigenmächtigkeit der Neue-Heimat-Zentrale hörte.

Die Kontroverse überschattet den wichtigen Inhalt des Prüfungsberichts über die Verfehlungen der ehemaligen Neue-Heimat-Manager. Danach entstanden dem Unternehmen allein durch die Geschäfte der Münchner Grundstücksgesellschaft Terrafinanz, an der Vietor bis Ende 1972 beteiligt war, Nachteile von über sechzig Millionen Mark. Durch andere Firmen, an denen Vietor beteiligt war, summiert sich der Schaden für den Baukonzern auf insgesamt mehr als hundert Millionen Mark, meint die Treuarbeit.

Die Frage, ob die Neue Heimat nun Schadenersatzansprüche an ihren einstigen Chef stellen kann, beantwortet die Prüfungsgesellschaft nicht. Mit der Klärung dieses Komplexes haben die Aufsichtsräte den ehemaligen Bundesjustizminister Jürgen Schmude beauftragt. Sein Bericht soll im nächsten Monat vorgelegt werden.

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