Von Nina Grunenberg

In den Talentschuppen der Bundestagsparteien rührt sich wenig. Ihr Personalreservoir ist sich über die Jahre erstaunlich gleich geblieben. Wer zu Beginn der siebziger Jahre als jung und verheißungsvoll galt, trägt in der Regel immer noch das Beiwort „vielversprechend“. Kontinuität ist auch beim Nachwuchs Trumpf. Sie fördert ja nicht nur die Langeweile, sondern auch die Widerstandsfähigkeit.

Ein junger Politiker, dem es gelingt, sich bei derart stabilen Verhältnissen ohne sichtbare Aufregung und Anstrengung auf der Bonner Bühne nach vorne zu spielen, verdient deshalb schon Aufmerksamkeit. Ungewöhnlich ist auch, daß das unverbrauchte Talent von der CSU kommt – einer Partei, die im allgemeinen wenig Frisches anzubieten hat: Es ist Theo Waigel, der 43jährige Vorsitzende ihrer Landesgruppe im Bonner Parlament.

Wer ist Theo Waigel? Für das Munzinger–Archiv, dem Sammelgrab für Prominenten-Biographien, galt er noch bis 1980 „als relativ unbeschriebenes Blatt“. Zwar gehörte er dem Bundestag schon seit 1972 an, aber zu Anfang gelang ihm dort nur ein Fehlstart. Als Neuling landete er im Ausschuß für Bildung und Wissenschaft – der falsche Ausschuß für Leute, die etwas werden wollen. Theo Waigel scheint das nicht weiter gestört zu haben. Vier Jahre später sorgten seine politischen Freunde dafür, daß er einen Platz im Haushaltsausschuß bekam. Wer dort reüssiert, bürgt für Fleiß und hat Einfluß. In jenen Jahren erhielt Waigels Name erste Konturen. Aber auch das wußten nur die CSU und ein paar Fachleute.

Theo Waigel gehört nicht zu jener Sorte von Leuten, die in Bonn angereist kommen und zeigen, was eine Harke ist. Dazu ruhte er auch viel zu sicher im Schoße der CSU. Schon als Schüler war er in die Junge Union eingetreten, mit 21 Jahren war er Kreisvorsitzender. Darauf ist er stolz. Elf Jahre später wurde er zum Landesvorsitzenden der Jungen Union Bayerns gewählt. Eine Blitzkarriere ist das nicht, aber ein solider Weg. Als er das Amt 1975 niederlegte, weil die Jugendzeit in der Partei mit 35 Jahren vorbei ist, sagte er – es war in Augsburg seinen politischen Freunden Adieu mit einer Kalendergeschichte des Augsburgers Bert Brecht über Herrn Keuner: „Herr Keuner war nicht für Abschiednehmen, nicht für Begrüßen, nicht für Jahrestage, nicht für Feste, nicht für das Beenden eines neuen Lebensabschnitts, nicht für Abrechnungen, nicht für Rache, nicht für abschließende Urteile. Herr Keuner war für kritische Arbeit, für tätige Vernunft. Er hatte wenig Zeit zum Feiern. Er hielt den Fortgang des Lebens für wichtiger als die Zelebration des Erreichten. Herr Keuner stellte sich nachdenklich den Problemen seiner Zeit.“ Als er das damals hörte, fragte sogar der erfahrene alte Bonner Hofchronist Walter Henkels noch beeindruckt, warum solche Politikerreden nicht prämiiert werden.

Theo Waigel paßt nicht ganz in jenes CSU-Klischee, das uns von den Ober- und Altbayern überliefert wird. Ihre Gschaftelhubereien, ihre Hemdsärmeligkeiten und privaten Bauernkriege sind ihm fremd. Ihre rufmörderhaften Triebe gehen ihm ab. Dabei ist er alles andere als eine unbefleckte CSU-Empfängnis. Er macht es nur anders als seine oberbayerischen Freunde – stiller, leiser, überlegter, aber die Fäden, die er mit Vorliebe im Hintergrund zieht, funktionieren mindestens ebenso wirkungsvoll. Er ist eben ein Schwabe: In Bayern erklären solche Stammeszugehörigkeiten noch immer eine Menge von selber.

Theo Waigel stammt aus dem 500-Seelen-Dorf Oberrohr bei Krumbach im bayerischen Kreise Günzburg. In dem Hause, in dem er geboren wurde, lebt er noch heute. Dort will er auch sterben. Der 43jährige sagt das ohne Koketterie, allenfalls mit Genuß: Er genießt die Geborgenheit seines Dorfes, das seine Toten noch nicht wie in den Großstädten ausgegrenzt hat. Sie liegen mitten im Ort, um die barocke Kirche herum, unter ihnen sein Großvater, ein armer Weber, der den kleinen Hof der Waigels „Dezimal für Dezimal“ zusammengekauft hat; sein Vater, ein gelernter Maurer, der den Hof als landwirtschaftliche Nebenerwerbsstelle betrieb, und sein Bruder, der achtzehnjährig im Krieg gefallen ist. Wenn Theo Waigel aus Bonn oder München in die sanfte, bucklige Landschaft Schwabens zurückkehrt, hält er manchmal zuerst vor dem Friedhofstor, um einen Besuch am Familiengrab zu machen.