Von Heinrich Böll

Merkwürdig, daß im Lande der klassischen Prachtbände, der regionalen und kommunalen sehr aufwendigen Geschenkbände dieser Bildband keinen Verleger finden konnte: Authentische Photos aus dem Warschauer Getto, mit dem Text eines Augenzeugen, der weder Täter noch Opfer war, sondern "nur" Angehöriger der deutschen Wehrmacht, die nicht etwa die Konzentrationslager betrieb, auch nicht das Getto in Warschau errichtete, nein – und doch wäre ohne sie das alles nicht möglich gewesen.

Schade, daß Norbert Blüm seine treffende Bemerkung über die Rolle der Wehrmacht zurücknahm, wohl zurücknehmen mußte – man hätte sie annehmen müssen und wäre vielleicht endlich auf den Grund gestoßen, und es wäre nicht weiterhin bei peinlichen Rechtfertigungs-Turnübungen auf der gekränkten Oberfläche geblieben.

Joe J. Heydecker, durch sein Buch über die Nürnberger Prozesse hinreichend und rühmlich bekannt, gibt in seinem Text Beweise genug, daß "man" es wissen konnte; auch dafür, daß die Wehrmacht "es" wußte. Immerhin zitiert er nicht nur Kommentare von unbeteiligten deutschen Augenzeugen, auch aus einem Armeebefehl von Reichenaus vom 10. Oktober 1941, der sich offenbar veranlaßt sah, auf die Unruhe – die zustimmende und ablehnende – in seiner Truppe zu reagieren, indem er die "Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis" als "das wesentliche Ziel des Feldzugs gegen das jüdisch-bolschewistische System" bezeichnete und hinzufügte: "Hierdurch entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte, einseitige Soldatentum hinausgehen... Deshalb muß der Soldat für die Notwendigkeit der harten aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis haben." Diese Seite des Krieges ist ja inzwischen von Martin Broszat, Hans-Adolf Jacobsen und Helmut Krausnick ausreichend dokumentiert ("Anatomie des SS-Staates").

Heydecker zitiert noch einen Armeebefehl von Rundstedts vom September 1941, der sich offenbar auf zuschauende und möglicherweise mit eingreifende Wehrmachtsangehörige bezieht: "Eigenmächtiges Vorgehen oder Beteiligung von Wehrmachtsangehörigen an Exzessen der ukrainischen Bevölkerung gegen die Juden ist verboten, ebenso das Zusehen oder Photographieren bei der Durchführung der Maßnahmen der Sonderkommandos."

Wo sind diese Augenzeugen, wo ihre Photos? Werden sie möglicherweise beim Treffen "alter Kameraden" heimlich und grinsend rumgereicht? Heydeckers Photos, nicht nur aus dem Warschauer Getto, auch von der Zerstörung Lembergs, haben, zusammen mit seinem Augenzeugenbericht, seiner Schilderung beobachteter Szenen, Seltenheitswert. In einem Jahr starben zehn Prozent der Gettobevölkerung, also 44 630 Menschen, an Hunger und Typhus, und am 16. Mai 1943 meldete SS-Obergruppenführer Jürgen Stoop: "Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschaus besteht nicht mehr. Gesamtzahl der erfaßten und nachweislich (Betonung von mir) vernichteten Juden beträgt 50 065."O Himmel, was wäre wohl ein hochrangiger Mörder ohne seinen Mordnachweis!

Nach zahlreichen Publikationen, Filmen und Veranstaltungen erübrigt sich wohl eine neuerliche Aufzählung der Geschichte des Warschauer Gettos und seines Aufstands, Heydecker hat sich vor und nach dem Aufstand ins Getto hineingeschmuggelt, unter Lebensgefahr. Es ist beschämend, daß seine Photos und sein Bericht in der Bundesrepublik keinen fanden, der sie publizierte; beschämend, daß jüdische Bürger südamerikanischer Staaten diese Publikation finanzieren mußten, die unvermeidlich aufwendig, weil dreisprachig, geraten müßte. Einsprachig, deutsch, könnte sie als einer der wenigen Augenzeugenberichte überzeugend sein und wirken.