In die sowjetische Innen- und Außenpolitik hat Jury Andropow neuen Schwung gebracht. Gegenüber den Dissidenten wendet der frühere KGB-Chef freilich alte Rezepte an: Er läßt sie unnachsichtig unterdrücken.

Voraussagen, daß die neue sowjetische Führung ihre Macht bescheidener verwalten, aber dafür jene härter verfolgen werde, die diese Macht in Frage stellen, haben sich bisher erfüllt. Zu denen, die diese Entwicklung besonders zu spüren bekommen, gehören die sowjetischen Dissidenten. Die persönliche Lage der prominentesten Regimekritiker und Bürgerrechtler hat sich so zugespitzt, daß Andropow jetzt vor der Frage steht, ob er sie nicht doch ausreisen lassen muß, um den Versuch einer Neugestaltung der Ost-West-Beziehungen nicht selbst zu diskreditieren.

Besonders schlecht steht es gegenwärtig um den 52jährigen Schriftsteller Georgij Wladimow, der im vergangenen Sommer den Vorsitz der Moskauer Gruppe von amnesty international übernommen hatte. Wladimow hat nach Hausdurchsuchungen und Verhören am 18. Januar einen Herzkollaps erlitten, ist aber nicht bereit, sich in ein Krankenhaus zu begeben, weil er den langen Arm des KGB fürchtet. Der wegen seines humanen Engagements angesehene Schriftsteller, der bereits einen Herzinfarkt hinter sich hat, weigert sich, seine zumeist bewachte Wohnung zu verlassen und Vorladungen zu Verhören Folge zu leisten.

Wladimow hatte schon im vergangenen Februar und am 28. Dezember rabiate Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen müssen, bei denen die Geheimdienstler Manuskripte, Notizbücher und Visitenkarten ausländischer Korrespondenten konfiszierten. Bei anschließenden Verhören forderten ihn die Untersuchungsrichter auf, bis zum 20. Januar 1983 seine „antisowjetische Tätigkeit“ einzustellen. Wladimow antwortete darauf, er könne sich verpflichten, alle seine Tätigkeiten einzustellen – nur: Antisowjetisch habe er nie gehandelt; daher könne er auch nichts bereuen. Als Konsequenz aus diesen Verhören bat der Schriftsteller am 12. Januar Parteichef Andropow brieflich um die Erlaubnis zur Auswanderung. Er sei der Schikanen müde und habe keine Freiheit mehr, die Bücher zu verfassen, die er wirklich schreiben wolle.

Es ist besonders ein Buch, das Georgij Wladimow in den siebziger Jahren Ruhm und immer neue Schikanen eingebracht hat: „Der treue Hund Ruslan“, eine tiefgründige Erzählung von den Qualen der dressierten Kreatur. Der Hund Ruslan hatte gelernt, bellend und beißend dafür zu sorgen, daß kein Häftling aus dem Strafgefangenenlager ausbrach. Dann kam Chruschtschow und löste Stalins Archipel Gulag auf. Doch Ruslan, einmal aufs Bewachen abgerichtet, versuchte weiterhin, den Menschen durch Bissigkeit seine Treue zu beweisen. Eine Szene, die den absurden Charakter des Systems besonders deutlich macht: Ruslan sieht in Moskau eine der berühmten Jubeldemonstrationen mit roten Fahnen. Sofort schließt sich der Hund dem Zug an, weil er die Defilierenden für Gefangene hält.

Im Gegensatz zu Wladimow war der marxistische Historiker und Regimekritiker Roy Medwedjew in den letzten Jahren kaum belästigt worden. In der vergangenen Woche aber hat ihm der stellvertretende Generalstaatsanwalt Soroka ein Verfahren angedroht, falls er nicht aufhöre, „verleumderische politische Schreibereien gegen den Sowjetstaat und das politische soziale System“ zu richten. Medwedjew, der in seinem winzigen Moskauer Studierzimmer seit Jahren unter anderem die letzten Augenzeugen der Stalin-Ära nach der historischen Wahrheit befragt, erkundigte sich bei Soroka, was die plötzlichen Vorwürfe ausgelöst habe.

Die Antwort des Staatsanwalts: „Die Tatsache, daß wir sie 20 Jahre nicht zu uns zitiert haben, ist ein Beweis für unsere große Geduld. Aber diese Geduld nähert sich ihren Ende und wird möglicherweise 1983 auslaufen.“ Medwedjew, der gelegentlich für westliche Zeitungen schreibt, hatte jüngst in Aufsätzen den Machtkampf um das Erbe Breschnjews analysiert.