An den Börsen stehen die Wetten für die FDP günstig. Wunschdenken ist dabei im Spiel

Von der noch zu Beginn des Jahres herrschenden Euphorie ist auf dem Aktienmarkt nichts mehr übriggeblieben. Die Kurse befinden sich auf dem Rückmarsch bei gleichzeitig schrumpfenden Umsätzen. An manchen Tagen macht sich bei den vor kurzem noch viel beschäftigten Aktienhändlern gähnende Langeweile bemerkbar. Um so dankbarer sind sie über einen Ersatzmarkt, der sich in diesen Wochen aufgetan hat.

Börsenmakler, die sich der Wahlwetten angenommen haben, brauchen über Beschäftigungsmangel nicht zu klagen. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Bundestagswahlen ist das Interesse dafür diesmal ungewöhnlich groß.

Wahlwetten werden an den Börsen in der dort gemäßen Form abgeschlossen. Etwas jenseits der Legalität sind die Parteien kurzerhand zu Aktien umfunktioniert worden. Nur erscheinen deren Kurse an keiner Tafel. Gehandelt wird im "Mundzu-Mund-Verkehr". Gelegentlich auch von Börsenplatz zu Börsenplatz, wenn die Kursabweichungen von Ort zu Ort zu unterschiedlich sind.

Im Mittelpunkt des Handels stehen diesmal unangefochten die FDP-Aktien. Nicht weil sie besonders billig sind, sondern weil nach Meinung vieler Börsianer das Abschneiden der FDP letztlich über das Schicksal der Regierung Kohl/Genscher bestimmen wird. Daß CDU/CSU die absolute Mehrheit erringen werden, glaubt in den Börsensälen kaum noch jemand. Bestenfalls wird ihnen einen Stimmanteil von 46 Prozent zugebilligt.

Aber auch zu diesem "Kurs" sind CDU-Aktien schwer an den Mann zu bringen. Wer sie kauft, spekuliert darauf, daß CDU/CSU mehr als 46 Prozent Stimmen bekommen werden. Kommen zum Beispiel 47 Prozent zusammen, muß der Verkäufer der CDU-Aktien an den Käufer die Differenz, in diesem Falle je Aktie eine Mark, zahlen. Die Anteile "hinter dem Komma" bringen jeweils zehn Pfennig.

Der seit Tagen rückläufige Kurs der CDU-Aktien kommt den FDP-Aktien zugute, die zwischen 5 und 5,5 Prozent "stramm Geld" sind, wie es in der Börsenfachsprache heißt. Allgemeinverständlich: Es gibt Käufer, die bereit sind, bis zu 5,5 Prozent zu zahlen.