Bonn

Der Bayernkurier, sonst meist damit beschäftigt, das Abendland und die Bundesrepublik vor dem Sozialismus zu retten, hat ein neues Thema gefunden: den „Schwindel des Monats“, begangen durch den „Robbenretter“ Hans-Dietrich Genscher. In einer donnernden Philippika wird der FDP-Vorsitzende und Außenminister des Wahlbetrugs geziehen: „Wenn nun nämlich von der Bundesrepublik Deutschland aus ernsthafte und aussichtsreiche Schritte unternommen werden, dem von seiner Art und Weise her unerträglichen Töten der jungen Robben Einhalt zu gebieten, so hat mit diesem Erfolg der allzeit geschäftige Genscher nicht das geringste zu tun.“

Der Grund des Ärgers: Genscher war von Bild am Sonntag als „Mann des Monats“ für „alle Tierfreunde“ gefeiert worden, denn er habe „mit einem Vorstoß im Bundeskabinett und in der Europäischen Gemeinschaft ... die Weichen dafür gestellt, daß keine Robbenfelle mehr in die Bundesrepublik eingeführt werden sollen“. Das wäre noch zu ertragen gewesen, aber dann meldete sich auch noch Brigitte Bardot. Die ehemalige Filmschauspielerin, mittlerweile enragierte Kämpferin für den Tierschutz im allgemeinen und die Jungrobben im besonderen, fand, trotz eines aufregenden Prozesses wegen Beleidigungen, die sie Katzenmördern entgegengeschleudert hatte, Zeit, dem Außenminister telegraphisch „lebhaften Dank und Anerkennung“ abzustatten.

Das Schreiben werde sich Genscher „wohl einrahmen lassen“, kommentierte der Bayernkurier spitz. Franz Josef Strauß zeigte deftige Entrüstung: „Wenn sich jetzt Genscher vor Brigitte Bardot die Robbenrettung an die blanke Brust heftet“, dann gehe dies „wirklich zu weit“. Und Innenminister Zimmermann, sonst gewiß nicht der langsamste im Umgang mit FDP-Ministern, sah diesmal sein Urheberrecht stibitzt: Er habe den Doppelbeschluß des Kabinetts initiiert, der die Europäische Gemeinschaft auffordere, bis zum Beginn der Jagdsaison am 1. März eine Vereinbarung mit den betroffenen Staaten zu finden, mit dessen Hilfe die Robbentötung verhindert werden solle. Sei dies nicht möglich, werde die Bundesrepublik eine Importsperre verhängen.

Tatsächlich hat eine Flut von Protestbriefen und Telephonanrufen die Bundesregierung in Trab gebracht. Etwa 14 000 Briefe wurden registriert, Hunderte von Anrufer im Innenministerium an einem einzigen Tag, zornbebend viele, schluchzend manche. Die Bundesregierung traf nun eine ähnliche Protestwelle, die im letzten Jahr schon in Millionen Briefen in die Büros des Europäischen Rats geschwappt war. „Kein gefolterter Türke, kein getöteter Afghane, kein Terroropfer in Mittelamerika“, so hatte damals der Spiegel bemerkt, „mobilisierte jemals so viele Menschen wie die arktischen Jung-Robben“.

Eine solche Volksbewegung, mitten in einem schwierig gewordenen Wahlkampf, konnte nicht ohne Antwort bleiben. Wer immer der Vater des Beschlusses war – Genscher kann immerhin für sich in Anspruch nehmen, daß er schon vor der Kabinettsentscheidung in einer programmatischen Rede vor dem Europäischen Parlament sich für den Doppelbeschluß in der EG eingesetzt hatte –, die Adoptiveltern jedenfalls standen in Scharen bereit. Die Kabinettsvorlage wurde einstimmig verabschiedet. „Der Wahlkampf machte es möglich“, kommentierte ein Kenner trocken.

Das Problem hat die Bundesregierung schon seit langem beschäftigt. Betroffen von einem Importverbot wäre in erster Linie Kanada. Die Kanadier aber argumentieren, dadurch gingen ihnen Tausende von Arbeitsplätzen verloren, außerdem sei die Jagd mit dem Knüppel nicht grausamer als manche europäischen Methoden der Tiertötung. Mehr Eindruck, machte in Bonn die Drohung, künftig die Fischerei in den kanadischen Gewässern einzuschränken, wenn der Robbenimport untersagt werde. An diesen Fischereirechten aber hängen nun wiederum deutsche Arbeitsplätze. „13 150 Tonnen Kabeljau stehen auf dem Spiel“, schrieb die Nordseezeitung, „und damit Fang und Verarbeitungsmöglichkeiten der Fischereiflotte für mehrere Monate.“ Es ist wohl kein Zufall, daß in den Küstenländern die Politiker-Proteste geren das Robbenschlachten dünn gesät sind und daß man im Landwirtschaftsministerium, zuständig für Fischerei, das Problem lange Zeit mit spitzen Fingern angefaßt hat.