Von Karl Heinz Wocker

London, im Januar

Immer wenn es ernst wird, verzichten die Briten auf die Mechanismen moderner Demokratie und spielen „altes Rom“. Nicht dem Forum, sondern dem Senat wird dann anvertraut, die Wahrheit zu finden – aber keinem Senat nach Washingtoner Art mit öffentlicher Anhörung, sondern einem kleinen Kreis handverlesener Personen mit Titel und Würden, die hinter verschlossenen Türen befragen und beraten. Gewählter Volksvertreter zu sein, genügt nicht; die höheren Weihen der Amtserfahrung sind gefragt. Solche Kommissionen haben britische Geschichte gemacht; Recht, Erziehung und Sozialpolitik sind ohne sie nicht denkbar, der gesamte Wohlfahrtsstaat der Insel fußt auf dem Beveridge-Report der Kriegsjahre. Die Arbeit solcher Weisen-Zirkel wird im Lande hoch geschätzt, vor allem, wenn es sich um eine königliche Kommission handelt.

Das war bei dem Auftrag an Lord Franks nicht der Fall. Seine Sechser-Kommission hatte die Regierung Anfang Juli 1982 eingesetzt, unmittelbar nach Beendigung des Falkland-Krieges. Es galt den Eindruck zu zerstreuen, in dessen Vorgeschichte sei es zu schweren Versäumnissen beim Schutz dieser Kolonie gekommen (oder vielmehr dieses „abhängigen Gebietes“, wie der nachimperiale Sprachgebrauch lautet). Lord Franks, 77 Jahre alt und als Moralprofessor, Staatssekretär, Botschafter und Lloyds-Direktor in ungewöhnlicher Mischung öffentlich ausgewiesen, erhielt die ehemaligen Konservativen Minister Lord Watkinson und Lord Barber zugeteilt, die ehemaligen Labour-Minister Lord Lever und Merlyn Rees und als hohen Beamten Sir Patrick Nairne, der seine Karriere in der Admiralität und im Verteidigungsministerium gemacht hat. Nur ein Mitglied der Kommission – Rees – hat einen Sitz im Unterhaus. Allesamt haben diese Herren irgendwann Verschwiegenheits-Eide geleistet. Das schien nötig, da sie ja auch militärisch heikle Stellen der Kriegs-Vorgeschichte abklopfen sollten.

Vier Kreise von „Tatverdächtigen“ waren denkbar: Außenministerium, Verteidigungsministerium, Geheimdienste und Downing Street 10. Mangelnder Schutz der Falklands? Ungenügende Arbeit der Geheimdienste? Fahrlässige Behandlung eingehender Berichte? Versäumte Möglichkeiten, den Argentiniern in jenem März des letzten Jahres zuvorzukommen? Mangelnde Koordination durch Kabinettsausschüsse und die Premierministerin? So lautete der Fragenkatalog. Lord Franks, der Mann, den man einmal als den einzigen möglichen Präsidenten eines nichtmonarchistischen England bezeichnet hat, war jedenfalls einer der wenigen, auf den sich Regierung und Opposition einigen konnten.

Die Kommission hatte einige „Vorgaben“: Die Minister Carrington und Nott hatten zu Beginn des Krieges ihren Rücktritt angeboten. Den des Außenministers hatte die Regierungschefin angenommen, den des Verteidigungsministers nicht. Darin kg außer ihrem Wunsch, ein großes Kabinetts-Karussell während der Kämpfe zu vermeiden, doch auch ein Stück Vorwegnahme der Untersuchung. Frau Thatcher, zu jenem Zeitpunkt noch unsicher, wie der Krieg ausgehen werde, schlug sich auf die Seite der stärkeren Bataillone in den eigenen Reihen. Auf das Foreign Office zu dreschen, ist unter den Konservativen immer populär.

Als die Kommission dann mit ihrer Arbeit begann, hatte Frau Thatcher den Krieg bereits gewonnen. Glaubt man allen Ernstes, daß es selbst ein stärker an aufsehenerregenden Enthüllungen interessierter Kreis hätte wagen können, die Falkland-Siegerin als Hauptverantwortliche für das Gelingen der argentinischen Invasion hinzustellen? Die englischen Wähler haben 1945 Churchill in die Wüste geschickt, die Franks-Kommission aber war ernannt, nicht gewählt.