Von Hermann Rudolph

Was geschah am 30. Januar 1933? Heute, fünfzig Jahre danach, weiß das jeder, erlaubt diese Frage nur Antworten von fatalistischer Eindeutigkeit und niederschmetternder Endgültigkeit; sie sind in jedem Geschichtsbuch nachzulesen. Aber was glaubten die Zeitgenossen damals, was sich vollzog? Was ereignete sich an diesem Tage für jene, für die diese Vorgänge noch blankes, aktuelles Geschehen waren, das noch nicht Geschichte gemacht hatte, noch nicht zu Geschichte geworden war? Was nahmen sie wahr?

Die Frage macht nicht nur auf die banale Einsicht aufmerksam, daß Geschehnisse und das historische Ereignis zweierlei sind. Im Falle der Machtergreifung Hitlers steckt in der Diskrepanz zwischen beidem auch ein gutes Stück Antwort auf die Frage, in der sich die anhaltende Unfähigkeit, diesen Vorgang zu begreifen, mit ihm fertig zu werden, seit jeher verpuppt: Wie konnte es geschehen? Denn daß Weimar – halb gezogen, halb gestoßen – in das Dritte Reich hinein entgleisen konnte, hat seinen Grund eben nicht nur in den Fehlentwicklungen, Versäumnissen und verhängnisvollen Zielsetzungen von Parteien und Gruppierungen. Es hat auch mit Täuschung und Selbsttäuschung zu tun, mit Irrtümern und Fehleinschätzungen, aber auch schlicht mit der Unvorstellbarkeit dessen, was dann kam. Das entschuldigt nichts, aber es erklärt manches.

Es ist deshalb wohl mehr als der Tribut an eine gegenwärtig grassierende Mode oder auch nur an die Gedenktag-Routine, wenn die fünfzigste Wiederkehr der Machtergreifung auffällig viele dokumentarische Darstellungen und Erinnerungs-Versuche hervorgebracht hat. Gewiß spielt dabei eine Rolle, daß dieser Vorgang noch nicht so lange zurückliegt, daß sich nicht viele noch an ihn erinnern könnten. Aber darin drückt sich auch eine spezifische Erwartung an eine solche Betrachtungsweise aus.

Indem diese Sicht das historische Ereignis in die Perspektive ursprünglicher Erfahrung zurückzuspulen versucht, verschafft sie gleichsam der Vergangenheit wieder ein Recht an sich selbst, an ihren zeitbedingten Blickwinkeln und Wahrnehmungsschranken, Vorurteilen und individuellen Prioritäten – jenes Recht, das ihr gerade im Falle der Machtergreifung von den ungeheuerlichen Folgen dieses Vorgangs streitig gemacht wird. Zumindest ansatzweise tritt die politische, psychologische und mentale Landschaft hervor, aus der die Machtergreifung kam, in der sie vorstellbar war, weil sie nur eine politische Möglichkeit unter anderen darstellte, wählbar, aber auch vermeidbar, und noch nicht das, was sie wurde – der Weg in die Katastrophe, ohne Beispiel, ohne Entschuldigung.

Schon das Einstellen dieses Ereignisses in die Chronik der laufenden Ereignisse, widergespiegelt in den Berichten und Kommentaren in rund 70 Zeitungen und Zeitschriften, gibt ihm einen deutlich veränderten Umriß:

Wieland Eschenhagen: „Die ,Machtergreifung‘. Tagebuch einer Wende nach Presseberichten vom 1. Januar bis 6. März 1933“; Luchterhand-Verlag, Darmstadt 1982; 232 S., DM 12.80