Verbraucherverbände befürchten die klammheimliche Zulassung der Lebensmittelbestrahlung

Von Friedhelm Mühleib

Auf den ersten Blick scheint es zu grotesk, um wahr zu sein: Die Konservierung von Lebensmitteln durch radioaktive Strahlen als (Teil-)Lösung der atomaren Entsorgungsfrage. Die Vision hatte der renommierte, inzwischen verstorbene Professor der Lebensmittelchemie Joseph Schormüller schon vor einem Jahrzehnt publik gemacht. Ohne Aufsehen zu erregen schrieb er, „schließlich soll (mit der Strahlenkonservierung) der Verwertung radioaktiver Abfallprodukte aus Atomreaktoren ein neuer Weg gewiesen werden“.

Nun erst formieren sich langsam die Gegner der Strahlenkonservierung von Lebensmitteln. Sie ist in der Bundesrepublik bis auf Ausnahmen – etwa zu wissenschaftlichen Versuchszwecken und zur Behandlung von Krankenkost – immer noch verboten. Und dabei sollte es, dem Deutschen Verbraucherschutzverband (DVS) zufolge, auch bleiben. Denn der Mensch sei „als Endlagerstätte für den Atommüll wirklich nicht geeignet“.

Der DVS unterstellt den zuständigen Behörden, klammheimlich die Zulassung des umstrittenen Verfahrens zu betreiben, um möglichst jeder öffentlichen Diskussion zu entgehen: Im „Reißverschlußverfahren“ würden zunächst Ausnahmegenehmigungen beantragt (wie jüngst für die Bestrahlung von Gewürzen geschehen); gleichzeitig spiele man die Gefährlichkeit anderer, chemischer Konservierungsstoffe hoch, ohne ungefährliche Alternativen zu entwickeln, und verharmlose die Gefährdung durch die Bestrahlung – um das Verfahren schließlich zuzulassen.

Der Verdacht ist nicht aus der Luft gegriffen. So soll demnächst bei München die erste deutsche Großanlage für Strahlenkonservierung entstehen, in der auch Lebensmittel bestrahlt werden können. Und die Europäische Gemeinschaft schreibt die Harmonisierung der Lebensmittelgesetze in den Mitgliedsstaaten vor – eine Harmonisierung, bei der es nicht danach aussieht, als würde sich die Bundesrepublik um ein Verbot der Lebensmittelbestrahlung in anderen EG-Ländern bemühen.

Aus aktuellem Anlaß also hatte die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände am Mittwoch dieser Woche Fachleute zu einem Symposium nach Berlin eingeladen. Die Verbraucherverbände sehen die Gefahr, daß „diese Technik lautlos eingeführt und gefördert wird, ohne angemessene Diskussion und Beratung mit den Verbraucherorganisationen und ohne ordnungsgemäße, einheitliche Richtlinien“.