Er ist unsterblich geworden, obgleich er nur 22 Jahre alt wurde und in dieser Zeit nichts Positives vollbracht hat. Er lebt fort als eine Art Freiheitsheld: Don Carlos, Infant von Spanien, der einzige Sohn König Philipps II., geboren am 8. Juli 1545 in Valladolid. Nicht nur in der Dichtung ist er als Opfer eines tyrannischen Vaters dargestellt worden (etwa in Schillers Trauerspiel, aber mehr noch in zahlreichen anderen Dramen, die alle, wie vor allem die Tragödie des Engländers Thomas Otway, auf einen verfälschenden Bericht des Abbé Saint-Real zurückgehen). Zum Freiheitskämpfer aber wurde Carlos, der seit 1560 als spanischer Thronfolger galt, schon in der Politik gemacht, und zwar von den protestantischen Niederländern, die eben zu jener Zeit versuchten, die spanische Herrschaft abzuschütteln; sechs Wochen bevor Don Carlos starb, wurden in Brüssel die niederländischen Grafen Egmont und Hoorn von den Spaniern hingerichtet. Mit ihnen aber hatte Don Carlos nichts gemein; er war kein Kämpfer für die Freiheit.

Richtig ist nur, daß auch er – wie die Niederländer – gegen Philipp II. war, seinen nur achtzehn Jahre älteren Vater, den er oft als Bruder bezeichnete, während er von seinem Großvater, Kaiser Karl dem V., als seinem „Vater“ sprach. Den wirklichen Vater wollte er nicht anerkennen, weil er ihm überall im Wege stand, Was sich da abspielte, war eine Vater-Sohn-Tragödie, die jedoch ihren besonderen Aspekt darin hatte, daß der Infant in mancherlei Hinsicht zurückgeblieben war.

Das war gewiß nicht seine Schuld. Aber es verschloß ihm alle Möglichkeiten. In zeitgenössischen Beschreibungen wird Carlos als auffallend klein und körperlich schwach geschildert; er hatte einen zu großen Kopf, eine gelblich-grüne, ungesunde Gesichtsfarbe, eine eingefallene, rachitische Brust, eine verwachsene, bucklige Schulter. Und Carlos war auch geistig zurückgeblieben. Entwickelt schien bei ihm, bis ins Maßlose, nur sein Ehrgeiz, nach oben zu kommen. Dazu aber fehlte es ihm an Kraft und Intelligenz. Und der enttäuschte Vater, der den überdies schon früh an Malaria leidenden Carlos lange Zeit für unfähig hielt, irgendein Amt zu übernehmen, öffnete ihm keinen Weg.

Alles wurde noch schlimmer, als Carlos einen schweren Unfall erlitt. Er stürzte eine Treppe hinunter, wobei er sich eine lebensgefährliche Kopfverletzung zuzog, so daß ihm bereits die Sterbesakramente erteilt wurden. Die Fieberanfälle kamen häufiger, fast ständig fühlte er sich matt, und immer öfter gab sein Geisteszustand dem Vater Anlaß zu Besorgnis. Dennoch war Philipp jetzt dafür, dem inzwischen Neunzehnjährigen Verantwortung zu übertragen. Aber das führte zu nichts Gutem; im Grunde blieb Carlos an den ihm übertragenen Aufgaben desinteressiert. Die größere Freiheit, die ihm seine Stellung und seine Einkünfte brachten, nutzte er, um gegen den Vater zu intrigieren. Und zugleich wuchs seine Furcht verfolgt zu werden; er scheint schließlich an echtem Verfolgungswahn gelitten zu haben. Für seine Räume ließ er sich besondere Türsicherungen anfertigen, und nie schlief er unbewaffnet.

Da der Infant immer aggressiver wurde; gegen seine ganze Umgebung, gegen Verwandte und hohe Würdenträger des Staates und der Kirche, plötzlich Macht und Einfluß haben wollte und den Oberbefehl in den Niederlanden beanspruchte, sah Philipp II. schließlich keine andere Möglichkeit, als Carlos von der Thronfolge auszunehmen. Ja, nach langem Zögern hat Philipp sich sogar entschieden, seinen Sohn von der Umwelt zu isolieren.

Das geschah, nachdem Carlos dem Halbbruder seines Vaters, Don Juan d’Austria, dem Sieger von Lepanto, gestanden hatte, ins Ausland fliehen zu wollen. Ihm hatte er sogar angedeutet, seinen Vater umbringen zu wollen. Diese Absicht hatte Carlos auch während einer Beichte eingestanden. Zunächst hatte er jedoch nur bekannt, gegen einen Menschen so feindselig eingestellt zu sein, daß er ihn bis in den Tod verfolgen müsse. Daraufhin war ihm die Absolution verweigert worden. Da er auf sie nicht verzichten wollte, fragte er mehrere Theologen um Rat.