Von Rolf Zundel

Schönere Worte über die parlamentarische Demokratie sind selten gefunden worden: "Sich selbst, zu entfalten und doch zu beschränken, der steten Versuchung des Machtmißbrauchs ... zu steuern, dem uralten Diktat des Stärkeren zu widerstehen und der barbarischen ‚Natur‘ politischer Kraftentfaltung eine politische Kultur der freiwilligen Kooperation oder des Kompromisses aus Interesse und Einsicht, aber mit verbindlicher Regelhaftigkeit und Verfassungskraft entgegenzusetzen." Diese Definition Karl Dietrich Brachers ist fast etwas zu schöne nicht von der Austragung des Konflikts her wird hier die Demokratie definiert, sondern von dessen Einhegung, Besänftigung, Befriedung.

Zu schön? Nur zu verständlich, führt man sich die Themen vor Augen, mit denen sich der Zeitgeschichtler Bracher beschäftigt hat: den Einbrüchen barbarischer Natur unter dem Deckmantel von Ideologien. "Die Auflösung der Weimarer Republik", "Die nationalsozialistische Machtergreifung", "Die deutsche Diktatur", so lauten die Titel einiger der bekanntesten Bücher Brachers. Und jene zerstörerische Kraft sieht er keineswegs gebannt; in den 60er und 70er Jahren meint er eine Reprise der zwanziger Jahre zu erkennen, jedenfalls ist für ihn das Zeitalter der Ideologien keineswegs zu Ende; nicht zu Ende auch die Notwendigkeit, wachsam und nüchtern politische Kultur zu verteidigen:

Karl Dietrich Bracher: "Zeit der Ideologien. Eine Geschichte politischen Denkens im 20. Jahrhundert." Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1982, 416 S., DM 42,-.

Wer sich über die Begriffslandschaft orientieren will, aus denen totalitäre Ideologien ihr Weltbild zusammengestellt haben, wer die Verwandlung dieser Begriffe im neuen Kontext verfolgen, wer die Mechanismen erfahren will, mit deren Hilfe freiheitliche Ordnungen zerstört werden können – der findet bei Bracher ausführliche und genaue Auskunft. Der laxe Umgang mit dem Begriff der Gewalt, jene fatale Stufenfolge von verbalem Radikalismus über Gewalt gegen Sachen, dann gegen Personen bis hin zum vollentwickelten totalitären System; die Rechtfertigung dieser Gewalt: Politik als Wahrheitsverwirklichung, als Durchsetzung politischer Religionen mit endzeitlichen Vorstellungen, als Freund-Feind-System – das alles ist bei Bracher gut belegt. Und seine Warnungen sind berechtigt: vor der Beliebigkeit der Mittel zugunsten des Ziels, vor dem Verlust der Realität, die Utopien im Gefolge haben können, vor der Preisgabe der "offenen Gesellschaft". Die Einbruchstellen der "barbarischen Natur" sind genau markiert.

Nicht immer hat Bracher die Entwicklung der deutschen Demokratie so pessimistisch begleitet. Ende der sechziger Jahre plädierte er in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel "Die zweite Demokratie – Emanzipation vom Gestern" für Reform, Planung, für "Demokratisierung des Staates", für eine Normalisierung auch jener "Stabilität, die auf einem antikommunistischen consensus omnium gegründet war. Inzwischen ist seine Warnung wieder dringlicher geworden: Der Kommunismus "bildet nach wie vor den großen Gegenpol zum pluralistischen Demokratiegedanken", seine Skepsis gegenüber den Möglichkeiten einer Entideologisierung des Kommunismus, wie sie etwa Peter Bender beschrieben hat, ist unüberhörbar, und er sieht auch reichlich Anlaß, vor "Revolutionarismus und Prophetismus" im eigenen Lande zu warnen.

Brachers Skepsis ist gewiß in den Jahren der Studentenrebellion, der sozial-liberalen Reformen geschärft worden. Am angelsächsischen Demokratiebegriff ("Höhepunkt und Inbegriff der westlichen politischen Tradition oder auch der säkularen Form der westlichen Zivilisation") geschult, glaubte er wieder jene Tendenz zu entdecken, die er schon in der deutschen Politik zu Anfang dieses Jahrhunderts diagnostiziert hatte: "Die Entfremdung und Isolierung der deutschen Staatsidee vom Hauptstrom westlichen Politik- und Gesellschaftsdenkens; die Rückzüge in "Natur und Vergangenheit", auch wenn sie im Zeichen des Fortschritts stattfanden. Die ökologische Katastrophenliteratur erinnert ihn an das Gefühl der Ausweglosigkeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. "Der Antikapitalismus von links und rechts, diese nun über hundertjährige Denkfigur der Zivilisationskritik", so lautet seine Diagnose, "ist als romantische Kampfansage an die Folgen des Fortschritts wiedererstanden."