Die fiktive Erscheinung des Adolf Hitler – fünfzig Jahre nach der Machtergreifung

Von Ossip K. Flechtheim

Die große Überraschung des 30. Januar war das plötzliche Auftauchen eines alten Herrn von 93 Jahren, der sich als Adolf Hitler ausgab. Zunächst war man sehr skeptisch und glaubte, es mit einem Hochstapler zu tun zu haben. Nachdem man ihm aber eine Zeitlang zugehört hatte, gewann man die Überzeugung, daß nur ein Adolf Hitler so sprechen könnte wie dieser ungewöhnlich rüstige Greis. Trotz seines Alters hatte er nichts von der ursprünglichen Kraft und Schärfe seiner Redeweise verloren.

Er erklärte durchaus glaubwürdig, er habe sich seit 1945 in einem Sanatorium in der Nähe von Genf aufgehalten. Dort habe er sich rasch von den Folgen des Attentats von 1944 erholt. Er habe von dort aus die politische Entwicklung in der Schweiz, vor allem aber auch in Deutschland, Europa und der Welt sorgfältig beobachtet. Die Ereignisse dieser Jahre hätten ihn in seiner Überzeugung bestärkt, daß seine Handlungsweise im wesentlichen stets richtig gewesen sei. Allzu viele Volksgenossen seien einer bösartigen Propaganda zum Opfer gefallen, die ihn als Erznazi verteufelt habe. Überraschenderweise war er ohne weiteres bereit, zu beweisen, daß er sogar der einzige Antinazi in Deutschland gewesen sei, und zwar von Anfang an.

Wir wissen ja heute, daß die Auffassung vieler Zeitgenossen, insbesondere im Ausland, aber auch in der Bundesrepublik, der Nationalsozialismus habe seinerzeit die Massen erfaßt, falsch gewesen ist. Bei näherem Zusehen stellt sich heraus, daß es eigentlich so gut wie keine Nationalsozialisten gegeben hat. Die meisten taten freilich so, als ob sie Nazis wären, aber das doch nur, um Schlimmeres zu verhüten. –

Zugleich wird dann aber verkündet, es habe einen echten Nationalsozialisten gegeben, nämlich den Führer Adolf Hitler. Dieser Ausbund an Bösartigkeit, dieser Superteufel sei es. gewesen, der unsagbares Elend über Deutschland, Europa und die Menschheit gebracht habe. Er sei es, der für den Untergang des Deutschen Reiches, die Spaltung Deutschlands und die großen Erfolge des Bolschewismus in Ost und West verantwortlich sei. Nur mit äußerster Anstrengung sei es der freien Welt gelungen, diese verhängnisvolle Politik Hitlers zunichte zu machen und jede Form des Totalitarismus zu beseitigen.

Nun gab Adolf Hitler zu, daß er nach außen hin als Begründer und Führer des Nationalsozialismus wirken mußte. Das habe er aber nur getan, um selber Schlimmeres zu verhüten. Das Schlimmste wäre seiner Auffassung nach der endgültige Sieg des Nationalsozialismus in Deutschland gewesen – möglicherweise im Bunde mit anderen totalitären Kräften wie etwa dem Stalinismus in der Sowjetunion. Um gerade eine solche Entwicklung zu verhüten, habe er damals eine äußerst geschickte, zum Teil nicht offenkundige, langfristige Strategie und Taktik entwickelt. Dabei habe er nach außen hin immer und überall als der Führer des Nationalsozialismus auftreten müssen.