Von Klaus Barthelt

Begriffe, die wie eine Formel verwendet, aber nicht mehr auf ihre Bedeutung überprüft werden, verschleiern statt zu klären. In der Energiediskussion gilt dies vor allem für den Begriff „ungelöst“ im Zusammenhang mit der Entsorgung von Kernkraftwerken. Bei den technischen, mehrere Schritte umfassenden Verfahren kann „ungelöst“ folgendes bedeuten:

  • Die notwendigen chemischen oder physikalischen Verfahren sind unbekannt. Das Problem ist dann wissenschaftlich ungelöst.
  • Die chemischen oder physikalischen Verfahren sind bekannt, aber selbst im Labor aus technischen Gründen noch nicht realisierbar: „technisch ungelöst“.
  • Die Realisierung im Labor ist gelungen, aber beim Übertragen auf einen größeren, industriellen Maßstab (Prototyp) treten neue Probleme auf: „großtechnisch ungelöst“.
  • Der Prototyp läuft technisch zufriedenstellend, aber die Anwendung der vorhandenen Lösung ist zu teuer: „wirtschaftlich ungelöst“.
  • Die Kosten mindestens einer vorhandenen technischen Lösung sind akzeptabel – der Kernenergiestrom etwa bleibt auch unter Berücksichtigung der Kosten für die Entsorgung konkurrenzfähig aber es ist noch unklar, welche der konkurrierenden Lösungen die günstigste ist: „Optimierung ungelöst“.
  • Das günstigste Verfahren zeichnet sich ab, aber die Realisierung (Genehmigungsverfahren, Planung, Bau, Inbetriebnahme) erfordert noch Abstimmung unter den Beteiligten, also noch Zeit, oder ist politisch behindert: „organisatorisch oder politisch ungelöst“.
  • Das zu realisierende Verfahren ist abgestimmt und politisch akzeptiert, aber durch Gerichtsverfahren gehemmt: „rechtlich ungelöst“.

Natürlich läßt sich „ungelöst“ noch weiter differenzieren. Deutlich wird aber: Je nach Bedeutung von „ungelöst“ muß die Beurteilung anders ausfallen. Wie sich nachprüfbar zeigen läßt, kann die Entsorgung von Kernkraftwerken mit Verfahren und Techniken durchgeführt werden, die sich schon seit längerer Zeit im industriellen Maßstab bewähren oder deren Lösung mindestens die Stufe „technisch und wirtschaftlich gelöst“ erreicht hat. Zusätzlich werden in Forschungsprojekten noch Alternativverfahren untersucht, deren Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten ist, die aber gegenüber vorhandenen Verfahren Verbesserungen bringen könnten.

Das heute in der Bundesrepublik verfolgte integrierte Entsorgungskonzept berücksichtigt die Erfahrung und auch Rückschläge der vergangenen Jahre, baut auf einem breiten Konsens von Regierungen, Gewerkschaften und Industrie auf und ist technisch und zeitlich ausreichend flexibel. Es beruht auf dem Beschluß der Regierungschefs von Bund und Ländern zur Entsorgung von Kernkraftwerken vom 28. September 1979 und den „Entsorgungsgrundsätzen“ vom 29. Februar 1980, die gegenüber dem vorhergehenden Konzept vor allem drei Änderungen brachten:

Erstens: Die zur Entsorgung notwendigen Anlagen brauchen nicht mehr an einem Ort zusammengefaßt werden.

Zweitens: Zusätzlich zur Wiederaufarbeitung werden Verfahren entwickelt, mit denen sich abgebrannte Brennelemente so in Behältern einschließen („konditionieren“) lassen, daß sie nicht nur auf Dauer sicher in einem Endlager untergebracht, sondern auch noch später zurückgeholt und aufgearbeitet werden können, wenn dies zur Energiegewinnung gewünscht ist.