Das Land des Dylan Thomas in Wales Chelsea war kein Ersatz für Swansea

Von Peter Sager

Fangen wir im "Mermaid" an, draußen in Mumbles. Welsh Bitter, please. Laß sie ruhig sagen, das alte Klischee: Dylan Thomas, Dichter und Säufer, der sich als junger Reporter in Swansea rühmte, wenigstens viermal die Woche betrunken zu sein, und der seinem Image treu blieb bis zum fatalen Ende, 1953 in New York: "I’ve had 18 straight whiskies, I think that’s the record." Poor Dylan. Und nun treffen wir uns hier in deinem Pub, in der "Mermaid"-Bar, die heute "Dylan’s Tavern" heißt. Da hängst du gerahmt an der Wand, verstummter Stammgast, wie immer die Woodbine im Mundwinkel, Kettenraucher mit Engelslocken, Stupsnase und dicken Lippen. Du siehst auf diesen Photos genauso aus, wie sich deine Freunde erinnern: wie ein ungemachtes Bett.

Und da draußen, Dylan, blau wie nie, liegt Swansea Bay. Deine Stadt, deine Bucht, deine "doppelzüngige See": walisisch und englisch, Sandstrände und Stahlindustrie, Kohletäler und – Countryside. "Ugly, lovely city", das ist sie immer noch: "Eine häßliche, liebenswerte Stadt, die sich dehnte und weitete, in Slums, ungeplant, von Polierhäusern übersät und gemütlich vorbestadtet, an einer langen, großartig geschwungenen Küste ..."

Swansea Bay, ein Blick aufs Meer. Aber die Bahn ist weg: Mumbles Railway, erst mit Pferden, später mit Dampf, dann elektrisch und jetzt gar nicht mehr betrieben. Wie oft war er mit den roten Doppeldecker-Waggons hinausgefahren, am Ufer entlang, bis Oystermouth und Mumbles Head? Auch diese Bilderbuchstrecke werden die Waliser Eisenbahnfans eines Tages restaurieren, und die Wagen werden gewiß "Willy Nilly" und "Polly Garter" heißen, und die Kinder werden nach einer Möwe spucken, denn das bringt Glück.

Dylans Swansea ist ein Ort, der Nostalgie, so von Kindheitserinnerungen durchweht wie wenige Orte. Aber es ist auch eine graue, rauhe Stadt. Inre Ärmlichkeit hat Dylan Thomas nie durch Poesie beschönigt. Die Arbeitslosigkeit liegt hier bei rund 20 Prozent, weit über dem Landesdurchschnitt, fast schon wieder so hoch wie zur Zeit der Depression in Dylans Jugend.

Eine Stadt auf sieben Hügeln. "Man muß ein Bergsteiger sein, um in Swansea zu leben." Ich gehe eine steile, zungenbrecherische Straße hinauf: Cwmdonkin Drive. Uplands heißt dieses Viertel. Kleine Häuser, kleine Vorgärten, Middle class mit dem Geruch von Fisch und Bratkartoffein. Hier wurde Dylan Thomas 1914 geboren: No. 5 Cwmdonkin Drive. Vom Erkerfenster im ersten Stock blickt man weit über Stadt und Bucht. Kürzlich zog der letzte Bewohner aus, das Geburtshaus des Dichters soll Museum werden.