ZDF, Sonntag, 30. Januar, 19.30 Uhr, und Montag, 31. Januar, 21.20 Uhr (zeitgleich auch in Österreich, der Schweiz, Großbritannien, Schweden, Kanada, Australien und Neuseeland ausgestrahlt): "Die Geschwister Oppermann", Film in zwei Teilen von Egon Monk nach dem Roman von Don Feuchtwanger.

Anfangs denkt man: Bißchen viel feine Welt und reiche Leute; chauffeur-gesteuerte Horch-Limousinen, morgendlicher Ausritt am Wannsee, erlesene Bibliotheken und seidene Morgenröcke. Doch sehr bald begreift man – was Egon Monk hier aus dem atemlos von Lion Feuchtwanger in den ersten Sanary-sur-Mer-Exilwochen hingeschriebenen Anti-Nazi-Roman gemacht hat, ist eine Art Polit-Thriller (nur: man weiß, wer der Mörder ist). Monk verlangsamt das Tempo der literarischen Vorlage bis zum Qualvollen. Die fast hartnäckige Langsamkeit seiner Kameraführung, Dialogregie und Handlungsabläufe ist optisches Synonym für das quälend langsame Begreifen: Auch wir, die feinen und reichen Juden, Herren eines Möbel-Empires und Professoren, Autoren von Rang und Namen – auch wir werden der Gefahr nicht entgehen.

Ob bei Familientreffen oder politischen Diskussionen im Freundeskreis – "der da existiert für mich nicht" ist noch zu Beginn der Ton hochmütiger Verachtung für den keifenden Hitler und seine Marsch-Horden. Das tiefe Nicht-Begreifen des liberalen Bürgertums, eine Mischung aus Klassenarroganz und Portefeuille-Dummheit, wird von Monk hervorragend deutlich gemacht – leise, unerbittlich, seine Fi-

guren weder mit Mitleid noch mit Attacke denunzierend. Der Brecht-Schüler führt vor. Und erreicht genau den beabsichtigten Effekt: Wie der Mutter Courage, wie dem vornehm-verständnislos-lügnerischen Ehemann der "Jüdischen Frau" (aus "Furcht und Elend des III. Reiches") möchte man auch diesen Herren im Gehpelz und Damen in grauer Wildseide zurufen: "Begreift ihr denn nicht, seht ihr nicht die Schlinge? Wehrt euch, haut ab, rettet euch – kämpft!" Spät erst, zu spät fällt der Satz: "Wir haben uns alle geirrt. Über Hitler und über uns."

Der Film ist nicht nur – bis hin zu den eingeblendeten Zeitdokumenten – geglückt, weil er die jüngste deutsche Vergangenheit auch als ein Versagen der (künftigen) Opfer deutlich macht; er ist auch auf grandiose Weise gelungen, weil er eine Paraphrase des Begriffs "Würde" versucht; damit unausgesprochen von Widerstand spricht. Berthold, der Sohn des Hauses – eine hervorragende Schauspielerleistung des jungen Till Topf –, wird von seinem Nazi-Lehrer gezwungen, ein Referat zurückzuziehen, zu widerrufen. Doch er weiß, daß er im Recht ist, daß jedes Zitat stimmt. "Würde ist manchmal überzahlt" – das ist der winselnde Rat der Großbürger um ihn, Vater, Onkel, Mutter (die, eine der gräßlichsten Mini-Szenen, dem sich schlaflos quälenden Gymnasiasten sagt, wo im Bad die Schlaftabletten liegen). Eigenartigerweise ist dieser einsame Kampf eines jungen Menschen in der Gewissensnot um eine Lüge: "Ich habe eine Wahrheit gesagt. Ich erkläre die Wahrheit für falsch", intensiver, grauenhafter auch als die späteren SA-Prügelszenen, in denen der "feine Pinkel" Oppermann, der nie begriff und immer retten wollte, vor allem seinen Besitz, zur Kreatur gedemütigt wird. Geistige Auseinandersetzung, und zwar nicht nur mit der fälschenden Brüll-Barbarei der neuen Machthaber, sondern auch – vor allem? – mit der sänftigenden "Duck-dich-und-dukommst-durch"-Moral eines Bürgertums, das im Winden, Taktieren und Sicn’s-richten noch ehrbar geblieben, aber ehrlos geworden war: Diese große Debatte findet in den Szenen mit Berthold Oppermann statt. "Lieber ein Hund sein, wenn ich von Füßen getreten werden soll, als ein Mensch"; an dieses Kleist-Zitat fügt er nächtens den Satz: "Es ist nichts zu erklären, nichts hinzuzufügen nichts wegzunehmen. Dein Ja sei Ja, dein Nein sei Nein." Er hat noch gelebt, als wir ihn fanden – den Satz der Mutter vergißt man nicht so rasch. Weil diese Sequenzen nicht mehr Geschichte illustrieren, sondern mit uns, mit täglicher Gegenwart zu tun haben. Vom Einst zum Heute, vom Damals zum Jetzt: Das ist Egon Monk gelungen.

Fritz J. Raddatz