Kein Mieter dieses Landes muß befürchten, daß ihm der Mieter nun das Fell über die Ohren zieht.

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrem Leitartikel vom 24. Januar 1983.

Philharmoniker, I

Die Affäre geht weiter, aber sie hat längst eine neue Richtung eingeschlagen: In erster Linie dreht es sich gar nicht mehr darum, ob die Berliner Philharmoniker die Klarinettistin Sabine Meyer in ihren Männerreihen dulden wollen oder nicht – der Vertrag auf ein Probejahr ist (verwaltungs-) ordnungsgemäß abgeschlossen und damit rechtsgültig. Ob Frau Meyer allerdings das einjährige nicht nur künstlerische Spießrutenlaufen durchhalten wird, ist nicht nur ein Problem ihrer Psyche. In ihren Personalakten wird sich gewiß schon bald ein Dossier finden mit den Taktzahlenangaben ihrer nicht zum „Ton und Timbre“ der Gesamtgruppe passenden Entäußerungen samt zugehörigem Beweis-Tonband. Der „Fall“ selber hat sich längst zu einer Tragikomödie über die Unvereinbarkeit von Geschäft und Moral entwickelt. Die Reaktionen verfestigten sich, wie sollte es bei Sensibilissimis anders sein als bei Kindern, zu blindem Trotz und konzentrierten sich, wie sollte es bei Profi-Musikern anders sein als bei Profi-Fußballern, aufs Merkantile. Das Orchester und sein Intendant verkehren vornehmlich auf dem Wege Offener Briefe miteinander. Die einen sprechen von einem „Angriff auf ihr seit hundert Jahren erfolgreich und unangefochten praktiziertes Recht“, das „selbst währenddes Nazi-Regimes nicht angetastet“ wurde, und von einer „ernstlichen“ Gefährdung des „Leistungsstandards des Orchesters“; der andere von „derartig verblendeten, die Öffentlichkeit irreführenden und den Bestand des Orchesters gefährdenden Behauptungen“, denn: „Es geht hier nicht mehr um eine künstlerische Frage – Abgeordnetenhaus und Senat brauchen sich also durchaus nicht als ‚Kunstkommission‘ zu verstehen –, sondern um die Wahrung der staatlichen Autorität des Landes Berlin.“

Wer tritt zurück? Frau Meyer? Das kurierte allenfalls ein Symptom – das Orchester, das längst weiß, daß es von seinem Chefdirigenten zwar noch glänzende materielle, aber kaum noch wesentliche künstlerische Impulse zu erwarten hat, besäße einen hervorragenden Bläser weniger, der ja immerhin für so repräsentative Aufgaben wie Festspiel-Auftritte in Salzburg und Luzern oder eine Amerika-Tournee gut genug war. Der Intendant Peter Girth? Für seinen Nachfolger wären die gleichen Konflikte vorprogrammiert. Das ganze Orchester? Bleibt der Chefdirigent selber – etwas scheinbar Unmögliches. Es wäre leichter vorstellbar, kennte irgend jemand einen sowohl künstlerisch wie kommerziell auch nur annähernd adäquaten Nachfolger. Von Bischöfen mag ja inzwischen der Rücktritt erwartet und sogar verlangt werden. Daß Päpste zurücktraten, zurückgetreten wurden, liegt lange zurück. Gott selber aber „war, ist und wird sein der Seiende“. Die Affäre jedoch geht weiter.

Journalistenpoesie: Philharmoniker, II

„Zur Geistesschwäche dieser Leute, dieser sogenannten Philharmoniker, kommt auch noch die Gehörschwäche, ganze Orchester leiden darunter.“ Der neueste Kommentar zur Berliner Krise? Nein, ein Zitat aus Thomas Bernhards Komödie „Die Macht der Gewohnheit“, geschrieben 1974. Daß Philharmonie nicht Mißgetön bedeuten muß, bewiesen jetzt die Philharmoniker aus München in einem Konzert mit ihrem Chefdirigenten Celibidache, über das die Süddeutsche Zeitung ihren ständigen Rezensenten Wolfgang Schreiber berichten ließ. Weil Celibidache „einer der größten Bruckner-Interpreten der Gegenwart“ ist, sind uns seine Bruckner-Interpretationen „in lebhafter, sagen wir: unvergeßlicher Erinnerung“. Aber vor Bruckner spielte man noch Beethoven, die Coriolan-Ouvertüre: „Die geraffte musikalische Tragödie entbehrte hier sowohl der tragisch hochgereckten Attitüde als auch des Knattereffekts, sie entstand aus überlegener Ökonomie der (auch dirigentischen) Bewegung, bezog allein aus ihrer Formeinfachheit die quaderhaften Züge, klang geradezu schmucklos herb.“