Von Henry Braunschweig

Auf etwa halbem Wege zwischen Orlando und Daytona Beach, fünf Meilen westlich von De Land, liegt am rechten Ufer des Saint John’s River die Holly Bluff Marina, Basis der neu gegründeten Sunshine Line. Sie vermietet 30 Kajütkreuzer vom Typ „American Houseboat“ – ein auf zwei Pontons montierter Wohnwagenaufbau mit je einer Veranda vorn und achtern und dem Dach als Sonnendeck.

Wir waren zu viert. Normalerweise ist dies eine Crew für einen Motorkreuzer von so etwa neun Meter Länge. Doch wir entschlossen uns, es statt dessen mit zwei gemeinsam fahrenden kleineren Schiffen auszuprobieren; ein Versuch, den wir hinterher durchaus gelungen fanden. Die Küche – und natürlich auch den Proviant – ließen wir auf einem Schiff und aßen dort gemeinsam.

Zunächst galt es, sich wieder mit dem amerikanischen Navigationssystem vertraut zu machen, das wir zuvor schon in Kanada kennengelernt hatten: Wenn man aufwärts fährt, stehen auch die spitzen Toppzeichen der Baken („Marker“ genannt) an Steuerbord und die stumpfen, viereckigen an Backbord – nur daß hier die spitzen Tonnen rot und die stumpfen grün sind. Die Marker sind durchgehend numeriert.

Die Anwohner am Fluß, danach befragt, wie weit der St. John’s River eigentlich ins Land hineinführe, pflegen zu antworten: „All the way up to hell and blazes!“ („blazes“ sind lodernde Flammen.) – Ein Wortspiel, denn der kleine See, den der Quellfluß nach kurzem Lauf bildet, heißt „Hellen Blazes“.

Dieses Quellgebiet liegt in den ausgedehnten Sümpfen Zentralfloridas, nahe der Ostküste, auf halbem Weg zwischen dem Lake Okeechabee und Cape Canaveral. Der St. John’s, der in einem Abstand von 10 bis 50 Kilometer parallel zur Atlantikküste verläuft, ist Floridas größter Fluß und neben dem Red River of the North und dem Mackenzie einer der drei von Süden nach Norden fließenden Ströme Nordamerikas. Er hat eine Länge von 480 Kilometern – das entspricht in etwa der Weser –, von denen 255 Kilometer schiffbar sind. Die 650 Kilometer lange Florida-Halbinsel, eine flache, große Sanddüne, hält sein natürliches Gefälle so gering, daß es keiner einzigen Schleuse bedarf, um ihn aufzustauen. Er nimmt auf seinem Weg 300 Nebenflüsse auf, eine gewaltige Zahl, und durchfließt in seinem überwiegend engen Oberlauf rund ein Dutzend kleinerer und größerer lagunenartiger Seen. Der größte davon, Lake George, ist fast halb so groß wie der Bodensee. Unterhalb von Palatka ufert der St. John’s zu einem seenartigen Strom von zwei bis fünf Kilometer Breite aus, der sich bei Jacksonville noch einmal zusammenschnürt, nach Osten wendet und nach Kreuzen des „Intracoastal Waterways“ bei Mayport in den Atlantik mündet.

In seinem schiffbaren Oberlauf – die Tiefe des Fahrwassers beträgt überall mindestens 12 Fuß – windet sich der dort selten mehr als 300 Meter breite Fluß durch den morastigen Urwald Floridas. Die Ränder und weite Nebenbuchten bedeckt ein dichter, immergrüner Teppich schwimmender Wasserhyazinthen. Dahinter geht das Land gewöhnlich in die dichte Mauer des subtropischen Urwaldes über: Buschpalmen neben Kiefern, Ulmen, Sumpfahorn und hundertjährige Wassereichen, Weiden, Erlen, Gummibäume und Wasserhickory. Das Ganze ist dicht verfilzt mit Farnen und Unterholz und wird überragt von einsamen Baumriesen und den an Kokospalmen erinnernden Wipfeln der schlanken Cabbage Palms. Und immer wieder ganze Wälder aus dem Wasser wachsender Cypress Trees mit ihren am Fuß in einzelne Wurzelstränge kegelförmig auseinanderstrebenden Stämmen, zwischen denen wie Pfähle neue Schößlinge stehen. Die Wasserzypresse ist einer der am langsamsten wachsenden Bäume der Welt – auf fast dreitausend Jahre werden ihre ältesten hier vorkommenden Exemplare geschätzt.