Grüner Alterspräsident für Bonn?

Düsseldorf

Erfahren hat er die Nachricht auf hoher See "irgendwo zwischen Mallorca und Barcelona". Ein Passagier, der eine deutsche Zeitung aufgetrieben hatte, hat ihm über Deck zugerufen: "Herr Vogel! Herr Vogel! Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl!" Mit einem Hechtsprung sei er die Treppe hinaufgestürmt, um es schwarz auf weiß zu lesen.

Den Hechtsprung nimmt man ihm ohne weiteres ab – trotz der 75 Jahre. Werner Vogel, Jahrgang 1907, ist ein schlanker, etwas schlaksiger, fast hünenhafter Mann. Ende Januar ist er zum Spitzenkandidaten der nordrhein-westfälischen Grünen für die Bundestagswahl nominiert worden, während er sich mit seiner Frau gerade auf einer Kreuzfahrt um Westeuropa befand. Sollten die Grünen am 6. März den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, würde Vogel ältester Abgeordneter – und damit Alterspräsident des neuen Bundestags. "Vorausgesetzt, die anderen Parteien nominieren nicht schnell noch einen etwas älteren", meint er. Zutrauen würde er es ihnen.

Werner Vogel wohnt am Stadtrand von Mettmann bei Düsseldorf. Dort mag er aber keine Besucher empfangen: "Ich kann die Hektik meiner Frau zu Hause nicht zumuten." Wir haben uns daher in seinem Büro in Mettmanns Innenstadt verabredet. Vogel unterhält hier seit seiner Pensionierung eine Beratungsstelle als zugelassener Rechtsbeistand für öffentliches Recht, ohne Sekretär. "Ich tippe alles selber", sagt er.

Bis 1972 war Werner Vogel Leitender Ministerialrat im nordrhein-westfälischen Innenministerium. Sein Wissen als ehemaliger Verwaltungsjurist und Spezialist für Ausländerrecht läßt er heute Ghanaern, Indern oder Palästinensern bei ihren Asylverfahren zugute kommen, gegen oft nur geringes Honorar. "Die haben hier doch überhaupt keine Lobby", erklärt er. Auch Inhaftierte betreut Vogel. Einen von ihnen besucht er regelmäßig einmal in der Woche im rund 50 Kilometer entfernten Dinslaken, zwei andere in Düsseldorf.

In seinem Büro, in dem kreatives Chaos herrscht, ist er häufiger anzutreffen als zu Hause, Hier trifft sich Werner Vogel mit seinen jungen Freunden, diskutiert er nächtelang mit ihnen. "Wenn ich Helmut Kohl immer vom Dialog mit der Jugend reden höre – das klingt, als wäre er ein alter Mann von einem anderen Stern. Bei mir fällt der Altersunterschied überhaupt nicht ins Gewicht, und ich bin über 20 Jahre älter als Kohl."

Die Unbefangenheit, mit der die Jungen miteinander umgehen, gefällt ihm. "Ich bin auch sehr gern Gast in Wohngemeinschaften", gesteht er. Schon als er noch hoher Ministerialbeamter war, hat er den Kontakt zu Jugendlichen gesucht, hat er oft mit Studenten diskutiert. "Ich glaube", sagt er von sich, "durch die Auseinandersetzung mit ihnen habe ich gelernt, nach vorne zu leben, und sie hat verhindert, daß ich verkalkt bin."

Grüner Alterspräsident für Bonn?

Auf die Idee, sich politisch zu engagieren, ist er jedoch "überhaupt nie gekommen" – bis vor vier Jahren, als er das Buch "Ein Planet wird geplündert" gelesen hatte; Autor: der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Gründer der "Grünen Aktion Zukunft" (GAZ), Herbert Gruhl. Vogel trat der GAZ bei, wechselte jedoch bald über zu den Grünen, weil ihm die GAZ zu wenig gesellschaftspolitisch engagiert war. Bei den Grünen wird er geachtet, weil er zwischen den "nicht zu leugnenden verschiedenen Strömungen" ausgleichend gewirkt hat.‘Daß sie ihn nun in Abwesenheit auf Platz 1 ihrer Landesliste gesetzt haben, nachdem er zwei Jahre stellvertretender Landessprecher war, macht ihn "sehr glücklich".

Sollte Vogel in den Bundestag einziehen, möchte er sich für ein humaneres Asylrecht einsetzen: "Wir haben auch den sogenannten Wirtschaftsasylanten gegenüber eine moralische Verpflichtung", meint er. "Die Industrieländer sind doch zum größten Teil schuld daran, daß die Wirtschaft in den Ländern der Dritten Welt so desolat ist; die wurden doch ständig ausgebeutet." Auch für Verbesserungen im Strafvollzug möchte der Jurist sich stark machen: "Für Ersttäter muß es separate Gefängnisse geben. Die kann man nicht mit schweren Jungs zusammensperren, da werden sie erst recht kriminell."

Werner Vogel ist zu 60 Prozent kriegsbeschädigt, aus über achtjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft brachte er ein Herzleiden mit. Fürchtet er nicht möglicherweise auf ihn zukommende Belastung? "Ich will ja nicht arbeiten wie ein Berserker. Außerdem gibt es bei den Grünen keine Beraterverträge und Ämterhäufung wie bei den anderen Parteien", sagt er schmunzelnd.

Über die Funktion des Alterspräsidenten macht Vogel sich keine Illusionen: "Er hat lediglich die Eröffnungssitzung zu leiten und dafür zu sorgen, daß ein ordentliches Bundestagspräsidium gewählt wird." Bei dieser Gelegenheit darf der Alterspräsident jedoch eine Rede halten – und das reizt ihn sehr.

"Ich erinnere mich", erzählt Vogel, "1932 war die kommunistische Abgeordnete Clara Zetkin Alterspräsidentin des Reichstags." Und was hat sie für eine Rede gehalten? "Na, einen flammenden Aufruf zur Weltrevolution. Die Leute sagten hinterher: Na ja, sie hat die Gelegenheit genutzt, sich Gehör zu verschaffen."

Die gleiche Gelegenheit möchte Werner Vogel nutzen. Allerdings wird er nicht zur Weltrevolution aufrufen: "Mein Bestreben ist es, bei den Leuten den Eindruck zu erwecken: Die Grünen sind ja gar keine Spinner, sondern ernst zu nehmende Politiker." An der Rede arbeitet er schon; was drin steht, will er noch nicht verraten: "Sie können jedoch sicher sein, ich werde nicht als Bürgerschreck auftreten – auch wenn ich keinen schwarzen Anzug oder Cut, wie Helmut Kohl, anziehen werde."

Roland Kirbach