Von Erwin Brunner

Im Bonner Auswärtigen Amt und bei der Großen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf liefen diese Woche Telephone und Fernschreiber heiß, um einem prominenten Häftling Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, der – wenn er Diplomat ist – gar keiner sein darf: Dr. Sadegh Tabatabai, 39, nach eigenen Angaben Sonderbotschafter des Iran; verwandt und eng vertraut mit dem greisen Imam Chomeini; als Waffenbeschaffer des Mullah-Regimes in Verruf und letzthin mit anderthalb Kilo Rohopium im Fluggepäck mit der deutschen Justiz in Konflikt geraten.

Am Dienstagabend waren die in diesem heiklen Fall um eine Erklärung ersuchten Experten des Außenministeriums noch zu keinem befriedigenden Schluß gekommen. Unklar blieb, ob Tabatabai nun tatsächlich Diplomat ist und mithin Immunität gegen Strafverfolgung genießt. Fest stand lediglich, daß der smarte Iraner zwar einen Diplomatenpaß seines Landes besitzt nicht aber eine Akkreditierung in der Bundesrepublik.

In Gang gebracht wurde das Status-Geplänkel schon vor Wochen von der iranischen Botschaft in Bonn – nicht eben freundlich: Tabatabai, ließen Chomeinis Diplomaten wissen, sei kein Sonderbotschafter, sondern „nur ein privater Geschäftsmann“. In Teheran scheint man sich unterdessen jedoch eines Besseren besonnen zu haben: Tabatabai wurde in der Tat als Sonderbotschafter entsandt, kabelte der aufgeschreckte iranische Außenminister an die Bonner Regierung; leider könne man aber erst jetzt die formelle Ermächtigung nachreichen.

Der Grund für diese möglicherweise verhängnisvolle Saumseligkeit: Tabatabai sei in geheimer Mission unterwegs gewesen, und da sei es nun mal nicht Usus, sich über Art und Zweck näher auszulassen. Zwar sieht das Völkerrecht derlei Salvierung nach nicht aber für den Fall jener Tätigkeit, für die der rührige Revolutionär letzthin in Europa auf Tour war: Waffenbeschaffung. Denn das wäre ein klarer Verstoß gegen das deutsche Kriegswaffenkontrollgesetz. Und nicht gerade vertrauenerweckend wirkt da, was Tabatabai erst im vergangenen November dem Spiegel – wenn auch recht diplomatisch – zu Protokoll gab: Er habe „dazu beigetragen, die politischen Wege für die Beschaffung von Rüstungsmaterial zu ebnen“.

Kein Wunder also, daß sich die Bundesregierung nicht leicht damit tut, den umstrittenen Ehrenmann im nachhinein mit einem Persilschein zum Diplomaten zu adeln, dem kein Gericht etwas anhaben kann, selbst wenn er Opium im Gepäck hatte. Das Düsseldorfer Gericht beschloß dann auch Anfang der Woche, noch das Gutachten eines namhaften Völkerrechtlers einzuholen, um den Status Tabatabais zu klaren, der seit dem 17. Januar in der Justizvollzugsanstalt Ulmer-Höh zu Düsseldorf in Untersuchungshaft sitzt.

Allmählich wird auch die Zeit knapp. Am 3. Februar wurde gegen Tabatabai Anklage wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz erhoben. Und sollten ihn die Rechtsexegesen nicht aus der Bredouille holen, wird Tabatabai demnächst wie jedem beliebigen Rauschgiftdealer der Prozeß gemacht. Ein Termin für die Hauptverhandlung steht schon fest: Freitag, 18. Februar, Landesgericht Düsseldorf, Saal L III, 9 Uhr. Übliches Strafmaß bei derartigen Vergehen: zwei bis sieben Jahre Haft.

Bislang konnte Tabatabai stets mit der Großzügigkeit der deutschen Regierung rechnen. Als er beispielsweise voriges Jahr vom Bundeskriminalamt verdächtigt wurde, über Mittelsmänner beim Kauf von 50 amerikanischen M-48-Kampfpanzern für den Iran mitgemischt zu haben, ließ Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher die geplante Verhaftung wieder abblasen. Begründung damals: Tabatabai sei Diplomat.

Zu „größtmöglicher Courtoisie“ hielt das Auswärtige Amt auch die Rauschgift-Experten der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft an, als der jüngste Fall Tabatabai ruchbar geworden war. Aufmerksame Zöllner hatten am 8. Januar einen Passagier des Lufthansa-Fluges LH 235 von Zürich nach Düsseldorf das Gepäck öffnen lassen – und waren prompt fündig geworden: Tabatabai hatte 1,65 Kilo Rohopium im Koffer. Marktwert: 40 000 Mark, hätte er es zu Heroin veredeln lassen, gar eine runde Million Mark.

Um Erklärungen für das ungewöhnliche Mitbringsel war der wortgewandte Iraner, der perfekt Deutsch spricht, nicht verlegen. Der Stoff sei lediglich ein „altes persisches Hausmittel“, bestimmt für eine kranke Tante: „Rauchopium“, das den Alltag jedes Iraners versüßt. Als diese Ausrede keinen Eindruck machte, schaltete Tabatabai um: Nur politische Gegner, so befand er nun, könnten ihm das Zeug zugesteckt haben, um ihn bei Chomeini anzuschwärzen.

Gegen den ertappten Rauschgift-Schmuggler wurde zwar Haftbefehl erlassen; wenige Stunden später war Tabatabai jedoch wieder auf freiem Fuß, nachdem er mit weltmännischer Selbstverständlichkeit einen Barscheck über 200 000 Mark Kaution hinterlegt hatte. Denn Fluchtgefahr war nicht zu befürchten: Tabatabai, ein in Bochum promovierter Biochemiker, lebt seit Jahren mit seiner Familie in Düsseldorf.

Anderthalb Wochen später wurde dann der Haftbefehl gegen den Iraner überraschend doch vollstreckt. Hatte der weitläufige iranische Revolutionär mit seiner Rauschgift-Affäre nun doch seinen Vertrauenskredit beim Auswärtigen Amt verscherzt? War das der Dank für seine Vermittlerdienste während der Teheraner Geiselaffäre? Kein Zweifel besteht, daß sein Verhandlungsgeschick und sein Mut im Jahre 1980 dazu beitrugen, den grimmigen Ajatollah Chomeini zu überreden, die 52 in der Teheraner US-Botschaft festgehaltenen Geiseln wieder freizulassen. Damals erkannte vor allem Hans-Dietrich Genscher, welch unentbehrlichen politischen Fürsprecher des Westens man da mitten im Familienclan Chomeinis hatte,

Tabatabai ist nicht nur ein Mann, der es im Gefolge des Imam Zum Politiker brachte. Gern läßt er sich auch als „Schwiegersohn Chomeinis“ titulieren, obwohl er bestenfalls ein Schwippschwager von Ahmed Chomeini jr. ist. Außerdem ist er ein Neffe jenes unter dubiosen Umständen aus dem Libanon verschwundenen, von den Schiiten verehrten Imam Mussa Sadr – was ihn im Iran zu einer Art Jünger Gottes macht.

Dementsprechend steil war auch seine politische Karriere im revolutionären Iran, An jenem denkwürdigen 1. Februar 1979 saß er mit Chomeini in der Sondermaschine, welche die neuen theokratischen Machthaber aus dem Pariser Exil nach Teheran flog. Nach dem Sieg der Mullahs amtierte er – in der Regierung Basargan – als stellvertretender Innenminister, als Regierungssprecher und stellvertretender Ministerpräsident. Von November 1979 bis September 1980 war er schließlich kommissarischer Regierungschef des . Iran – ein geschniegelter, stets exquisit gewandeter Machthaber, der sich den Präsidentenpalast erobert hatte, nachdem er Basargan bei Chomeini als Verräter denunzierte, der sich – horribile dictu – in Algier mit dem amerikanischen Sicherheitsberater Brzezinski getroffen hatte.

Als der wendige Macher immer stärker ins Sperrfeuer des radikalen Beheschti-Flügels geriet, und der gottlose Nachbar Irak den Krieg gegen die iranische Theokratie vom Zaune brach, teilte Chomeini seinem weltläufigen Dauphin eine neue Rolle zu. Für den bei Kriegsausbruch geschaffenen „Verteidigungsrat“ hält Tabatabai seitdem Kontakt zu den westlichen Waffenlieferanten des Mullah-Regimes.

Mit wechselndem Erfolg und oft zwielichtigen Kontakten, wie zu dem weltweit gesuchten italienischen Neofaschisten und Waffenschieber Stefano Delle Chiaie. So wurden Mitte Juli 1981 – wie die Zürcher Wochenzeitung recherchierte – Panzerteile und Munition im Wert von 34 Millionen Dollar aus israelischen Beständen in den Iran geflogen. Ruchbar wurde der Waffen-Deal, als die britische Sunday Times im Juni 1981 den Absturz eines der dazu gecharterten argentinischen Flugzeuge auf sowjetischem Gebiet meldete. Im August 1982, so das in London erscheinende Magazin The Middle East, sollen Chomeinis Soldaten 500 Sowjetpanzer vom Typ T 52 erhalten haben: Beutebestände, die die Israelis der PLO und syrischen Truppen im Libanonkrieg abgenommen haben. Der oppositionelle „Nationale Widerstandsrat Iran“ stand denn Ende Januar auch nicht an zu behaupten, Tabatabai sei die „graue Eminenz“ des iranischen Waffenhandels und habe sich außerdem seit dem Sturz des Schahs selber „maßlos bereichert“.

Tabatabai – ein zynischer, korrupter Konjunkturritter der Revolution, dem zuzutrauen ist, daß er für Rauschgift im Wert von lumpigen 40 000 Mark seine schillernde Karriere aufs Spiel setzt? Oder sollte ihn wirklich ein Racheakt seiner politischen Gegner im Iran zu Fall bringen? Schlimmeres könnte Tabatabai, dem von der Revolution hochgetragenen Salonmuselmanen, kaum passieren, als bei der anstehenden Erbfolge in Teheran zu kurz zu kommen. Doch möglicherweise nimmt ihm der Ajatollah die Mär von jenem Anonymus nicht ab, der ihm die brisante Mitgift auf die Reise gegeben haben soll. Im Iran steht auf Rauschgifthandel die Todesstrafe.