Oh, weiße Mauer Spaniens“, schrieb Garcia Lorca über die Dörfer Andalusiens. Der Ausruf galt auch Ronda, das sich als weißes, in maurischer Zeit erbautes Bergnest auf einem Felsplateau der Sierra Bermeja erhebt. Ronda, kaum zwei Autostunden von der Costa del Sol und deren Lukus-Badeorten entfernt, ist wie Toledo über einem schwindelnden Abgrund erbaut. Von der römischen Brücke Puente Nuevo geht der Blick bis zu den karstigen Gebirgsketten der Sierra Bianca hinüber.

„Der Fluß in seinem schluchtigen Abgrund spiegelt die zerrissenen Lichter des Himmels, aber auch mein Innerstes wider“, schrieb Rainer Maria Rilke, als er Mitte Dezember des Jahres 1912 in Ronda ankam. In Toledo, dieser „Stadt Himmels und der Erden“, hatte er „wie betäubt“ Gassen und Plätze durchwandert und war in immer neu aufbrechender Todesangst mit den Gemälden El Grecos konfrontiert. Das rauhe Klima der Sierra de Gredos hatte ihn endlich über Sevilla und Cordoba nach Ronda getrieben – sein spanisches Worpswede, in dem der in Depressionen und Todessehnsucht verfangene Rilke den spanischen Winter verbringen wollte.

An seinen Verleger schrieb Rilke: „Als ich zum ersten Mal nach Ronda kam, war ich mehr als erstaunt, es bereits gesehen zu haben – aber wo, wie? Es war erst sehr viel später, daß ich mich eines Abends entsann, den ich in dem großen Saale eines Schlosses in Rußland verbracht hatte. Ich sah mir ein Reisetagebuch an, das früher von einem jungen Edelmann geschrieben worden war, der mit seinem Erzieher eine Europa-Reise gemacht hatte. In jenem Tagebuch war eine Zeichnung, welche die Stadt darstellte, die nicht genannt wurde: es war Ronda.“

Die Bronze-Statue des damals in Spanien nahezu unbekannten Dichters steht heute im Park des Hotels Reina Victoria. Alte Damen in Pluderhosen, die sich nach einer anstrengenden Fahrt von der Küste im Hotelpark die Beine vertreten, sagen beim Anblick des Denkmals: „Da ist ja der Rilke. So klein habe ich mir den gar nicht vorgestellt.“ Seit clevere Reisemanager die Attraktion des deutschen Lyrikers besonders für ältere Touristensemester erkannten, wird an der Costa del Sol für Ronda und Rilke geworben. Unter den nahezu zweitausend Touristen, die täglich nach Ronda hinaufgekarrt werden, sind die meisten Amerikaner, Finnen und Schweden. „Die Deutschen kommen im Juli und August“, meint Isabel im Reisebüro von Ronda, „und auch sie kommen meist wegen Rilke.“

Zwischen Kakteen und Dattelpalmen stehen sie dort, wo Rilke vor siebzig Jahren las und spazierte. Das alte Messing-Schild am Zimmer 34 im ersten Stock des Hotels Reina Victoria, wo Rilke drei Monate lang lebte und verzweifelte Briefe an die Freunde in Frankreich und Deutschland schrieb, hat ein Rilke-Begeisterter längst abgeschraubt und mitgehen lassen. „Es winkt im Frühling fast aus allen Dingen, aus jeder Wendung weht es her“, hat ein deutscher Tourist am 4. September 1971 ins Hotel-Gästebuch geschrieben. „Ich wüßte, fiele ich jetzt aus der Welt – ich fiele direkt in den Himmel“, sekundierte eine Landsmännin.

„Die Ortschaft – phantastisch und überaus großartig“, hatte Rilke über Ronda gesagt, das für ihn die „spanischste aller Ortschaften“ war: Städte, die wie Sevilla oder Córdoba im Ruf ewiger Schönheit standen, bedeuteten dem grüblerischen Dichter aus Deutschland nur wenig. Sein Aufenthalt in Ronda war nur eine kurze, von Heimweh und Sehnsucht geprägte Zwischenstation auf dem Rückweg über Madrid nach Paris: Im Hotel Reina Victoria verträgt er das Kaminfeuer nicht, für das er täglich eine Peseta und fünfzig Centimos bezahlt, sein körperliches Unbehagen nimmt zu Beginn des neuen Jahres 1913 zu, Ende Januar beschließt er, die Bergstadt zu verlassen.

Später, im Schweizer Wallis, fühlt er sich oft an Spanien, an Toledo und Ronda erinnert – das Land jenseits der Pyrenäen blieb für ihn die Stimme des Unbekannten, das ihn wieder zurückruft.