Die Menschen hier dürfen nicht abstumpfen, obwohl das ja wohl in der Absicht der Großmächtigen liegt. Man redet uns immer ein, daß die Sicherheit im „Gleichgewicht des Schreckens“ liegt. Die Genfer Verhandlungen sind eine Farce, es werden noch mehr Atomwaffen in die Bundesrepublik kommen – kein anderes Land der Welt ist jetzt schon derart vollgestopft mit ihnen. Wo Waffen liegen, gehen sie eines Tages los. Ich bin äußerst pessimistisch, ja verzweifelt.

Johannes Mario Simmel im Büchermagazin „Titel“

Krieg ist eine abstrakte, gesellschaftliche Maschinerie, Krieg tritt als „neuer Gott“ auf, dessen Drohungen wie ein Erziehungsmittel wirken. Wer zu Tode, erschreckt ist, kann nicht mehr handeln. Wenn wir uns nicht auflehnen gegen diese Angst vor dem Krieg, werden wir keine Mittel zum Frieden finden.

Alexander Kluge in der Münchner „Abendzeitung“

Anders gegen Jonathan Schell

Der Vorwurf des Plagiats, den der Kritiker und Walter-Benjamin-Biograph Werner Fuld (im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt) gegen den amerikanischen Journalisten Jonathan Schell erhoben hatte, nimmt ungeahnte Ausmaße an. Fulds Feststellung, weite Passagen von Schells Buch „Die atomare Drohung“ erinnerten wörtlich an Formulierungen des engagierten Anti-Atom-Philosophen Günther Anders, zog diverse Klagen und Verfahren nach sich; im Hauptverfahren der vergangenen Woche wurde eine Entscheidung zurückgestellt und Gutachten angeregt, die nun eventuell von Walter Jens, Walter Höllerer oder Helmut Heißenbüttel erbeten werden. Günther Anders selber stellte der ZEIT zu dieser Farce eine eigene Parodie zur Verfügung: „Von Gewissensqualen gemartert, nein, geradezu zerknirscht, gestehe ich hiermit, in allen meinen antiatomaren Schriften vom Jahre 1953 an das 1981 veröffentlichte Buch von Mr. Jonathan Schell ‚Das Schicksal der Erde‘ auf präzedenzlose Weise antizipatorisch plagiiert zu haben. Ich habe mich damals sogar erkühnt, Mr. Schells Kapitelüberschrift ‚Der zweite Tod‘ im Jahre 1953 als Kolumnentitel zu mißbrauchen. In der Tat hatte Mr. Schell recht, mich zu verklagen, und ebenso recht hatte das Hamburger Landgericht, mich mit den Gerichtskosten zu belasten. Da ich noch nicht weiß, ob ich diese werde tragen können, erwäge ich es, an Mr. Schell als Ersatz für den Schaden, den er durch mich erlitten, das Copyright für alle meine Bücher abzutreten, also – man mißverstehe mich nicht – the right to copy all my books. Wien, 24. 1. 1983, Günther Anders“

Pillenknick = Büchertod

Ungeniert sprechen Fachzeitschriften vom „Pillenknick“, wenn es zu erklären gilt, weshalb der Verband der Schulbuchverlage (85 Mitglieder) im letzten Jahr um zehn Verlage geschrumpft ist. Sinkende Schülerzahlen treffen zusammen mit Einsparungen bei der Lernmittelfreiheit und immer weiterer Aufsplitterung der Lehrpläne in den Bundesländern. Waren bisher „nur“ Schulbuchverlage betroffen, so geraten jetzt auch belletristische und wissenschaftliche Verlage ins Schleudern. Weil der Frankfurter Schulbuch-Verlag Hirschgraben mit dem angesehenen Athenäum Verlag verbunden war, kamen beide in Schwierigkeiten. „Von Krise keine Rede“ wird jetzt stolz verkündet: Der Verlag Cornelsen-Velhagen & Klasing in Bielefeld arbeitet in Zukunft mit dem angeschlagenen Hirschgraben zusammen, die Athenäum-Gruppe (Athenäum, Hain, Scriptor, Hanstein, Jüdischer Verlag) mit der Europäischen Verlagsanstalt und Syndikat. Keine Krise? Wenn ein Verlag mit so anspruchsvollem Programm wie Athenäum gefährdet ist, könnte das Auswirkungen auf das geistige Leben haben, zumal da das Schicksal der zu Athenäum gehörenden „AutorenEdition“ durch die neuen Regelungen nicht geklärt ist.