Von Volker Mauersberger

Madrid, im Februar

Noch hat die spanische Regierung nicht auf das Ansinnen des belgischen Parlamentsabgeordneten Burgeon reagiert, den „Hitler von Belgien“, Leon Degrelle, in sein Heimatland auszuliefern. Durch die Anfrage des Parlamentariers wird ein Alt-Nazi ins Rampenlicht gerückt, über den die Geschichte längst hinweggegangen ist. Der heute 67jährige, im Nobelort Torreblanca an der spanischen Costa del Sol lebende Belgier gehört zu jenen fast dreißigtausend Nationalsozialisten, die nach dem Zusammenbruch im Mai 1945 das zertrümmerte Reich Adolf Hitlers in panikartiger Flucht verließen. Buchstäblich in letzter Minute zum General der Waffen-SS und SS-Obersturmbannführer befördert, flüchtete er im Mai 1945 mit einer He III, die ihm Rüstungsminister Albert Speer zur Verfügung gestellt hatte, von Oslo ins faschistische Spanien. Die Maschine mußte wegen Spritmangels vor der Küste bei San Sebastian notwassern. Degrelle, der noch immer in SS-Uniform steckte, konnte sich schwimmend ans Ufer retten.

Bald schaffte er den Übergang zum recht gemächlichen, von Prestige und Luxus geprägten Dasein eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der immer von seinen spanischen Faschisten-Freunden beschützt wurde. Anders als Klaus Barbie wurde Leon Degrelle nicht wegen der Ermordung unzähliger Menschen, sondern „wegen krimineller Akte gegen die Sicherheit des belgischen Staates“ jahrzehntelang gesucht. Bereits im Jahre 1944 war der Anführer der belgischen Faschisten in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden.

„Sie wollen mich töten“, glaubt der Gesuchte noch heute und empört sich darüber, daß seine Eltern zwei Jahre nach der Einlieferung in ein belgisches Gefängnis starben. Sie hatten für die politische Verblendung ihres Sohnes zu büßen, der streng katholisch aufgewachsen war und sich mit der rassistischen Ideologie eines Alfred Rosenberg angefreundet hatte.

Nach dreifachem, vergeblichem Anlauf zum Doktor-Examen an der Universität Loewen entschloß sich der rhetorisch begabte, von Elitedenken und Haß gegen alles angeblich Minderwertige beseelte Degrelle zum Beruf des Politikers. Er machte es dem Deutschen Adolf Hitler nach und gründete die Rexisten-Bewegung im französischsprachigen Wallonien; 1936 gewann sie 11,4 Prozent der Stimmen und 21 Parlamentssitze. 1941 zog Degrelle mit der SS-Freiwilligen-Legion „Wallonie“ als Schütze in den Rußlandfeldzug. Als Kommandeur der 5. SS-Freiwilligen-Panzer-Brigade erhielt er 1944 das Eichenlaub zum Ritterkreuz und wurde damit der höchstdekorierte Ausländer. „Hätte ich einen Sohn, so müßte er so sein wie du“, soll Hitler zu seinem belgischen Günstling gesagt haben. „Hitler war ein Genie“, meint der belgische Alt-Nazi noch heute, „denn er wollte Europa vom Kommunismus befreien.“

Diesem faschistischen Mitläufer ist eine frühe Bindung an den katholischen Mystizismus Spaniens zugute gekommen: Als seine Partei 1940 in Belgien verboten wurde und er ins Gefängnis mußte, nutzte Degrelle die Zwangspause und übersetzte die Schriften der heiligen Teresa von Avila. In Spanien rettete ihm der faschistische Arbeitsminister Giron das Leben. Giron sicherte ihm damals die Sympathie des „Caudillo“ Franco. So verwies ihn die spanische Regierung zwar offiziell am 21. August 1946 des Landes, doch an der Straße zum Flughafen wartete der Madrider Bürgermeister Graf von Mayalde, händigte dem ehemaligen „Volksführer Belgiens“ falsche Papiere und Zehrgeld „auf persönlichen Wunsch“ Francos aus. „Wir waren gute Freunde“, erinnert sich Degrelle noch heute an den 1975 verstorbenen Diktator, der über fünfzigmal belgische Auslieferungsbegehren abgelehnt hat.

Würde die demokratische Regierung anders verfahren? Degrelle ist von einer Spanierin „adoptiert“ worden und heute spanischer Staatsbürger mit dem Namen Leon José de Ramirez Reina. Nach dem Gesetz darf ein Staatsbürger nicht gegen seinen Willen unter fremde Strafverfolgung gestellt werden. „Ich praktiziere die Meinungsfreiheit unserer Demokratie“, brüstet sich heute der Freund Hitlers und Francos. Er gibt Interviews, schreibt Memoiren und veröffentlicht Artikel, in denen er das Dritte Reich verherrlicht – ein Unverbesserlicher, den, wenn man dem belgischen Außenministerium glauben darf, selbst seine Feinde nicht mehr recht ernst nehmen wollen.