Von Brigitte Landes

1.

Zweimal in seinem langen Theaterleben lag ihm Berlin zu Füßen. Beim ersten Mal war Curt Bois sieben Jahre alt; er spielte das Heinerle im "Fidelen Bauern", einer Operette von Leo Fall im Theater des Westens. Nach weiteren Kinderrollen, Tingeleien, als Chansonnier, Unterhalter, Kabarettist, Tangotänzer mit Charmeversprühen in Cafés und auf kleineren Bühnen hatte er es 1925 wieder geschafft.

"Exzesse" von Arnold Bronnen, 1925: "Maßgebend für die ganze Aufführung aber hätte Curt Bois als Berliner sein müssen. Er brachte wirklich Charakteristik durch Bewegung. Herrlich ... Hier war Berührung mit den internationalen Theaterbestrebungen. Hier war ein Durchblick ins moderne Theater ...", schreibt Herbert Ihering. Und Alfred Kerr: "Ein Berliner (mit dem originellen Beinamen Puffke) wird von Curt Bois ... auf eine sehr liebliche, stillspaßige, manchmal bezaubernd schweigsame Art hingeäugt, hingelitten, hingeschnoddert."

Weiter. Er wurde von Max Reinhardt entdeckt, er hat mit Hilpert, Piscator, Erich Engel und Leo Mittler gearbeitet. Bois hat in Stummfilmen, er hat in Tonfilmen gespielt, er hat selber einen Film gedreht. "Leider", sagt er, "zu meinem Leidwesen habe ich sehr früh eine steile Karriere gemacht." Seinem Leben haftet der Glamour, das Schillernde des Showgeschäfts, des Theaters, die Modernität, Frivolität der Weltstadt Berlin in den goldenen Zwanzigern an.

Weiter. Dann kam Hollywood. Das war nichts Strahlendes. Curt Bois ist 1933 emigriert. 1950 ist er zurückgekommen. "Tausend Jahre", sagt er, war er weg. Seine letzte Rolle vor der Emigration war Chlestakow im "Revisor" unter Heinz Hilperts Regie; seine erste Rolle 1950 war Chlestakow in Wolfgang Langhoffs Regie am Deutschen Theater in Ostberlin. Dem Brecht hat er auf dessen Frage, was er denn spielen wolle, gesagt: den "Puntila". 1952 spielte Bois in Brechts Inszenierung die Rolle. Jetzt lag ihm das Publikum in Ostberlin zu Füßen, später auch das von Westberlin, von München und von Hamburg.

2.

Curt Bois hat seinen Kassettenrecorder auf den Tisch gestellt. Seine Frau bringt Tee, Gebäck und Stollen. Spät erst entdecke ich, daß in dem Bücherregal neben mir zwei hohe Stapel rotgebundeher Mappen liegen, auf deren Rücken die Titel aller Stücke und Filme verzeichnet sind, in denen Bois mitgewirkt hat. Er weiß auch nicht, wie er dazu gekommen ist, aber den Rest will er auch noch binden lassen. Curt Bois nimmt ein Schulheft zur Hand, er hat sich vorbereitet. Er stellt das Aufnahmegerät an und schlägt das Heft auf: "Also ich wollte Sie einmal fragen. Was schreiben Sie denn so in letzter Zeit?" Ich erzähle.

Dann fragt er, wie ich denn auf ihn gekommen sei. Ich stottere Einzelheiten zusammen, die mich auf ihn neugierig gemacht haben: Keiner kann doch auf ein so langes Theaterleben zurückblicken wie er; seine großartigen Komikerrollen vor allem in den Inszenierungen von Fritz Kortner; seine Arbeit mit Brecht; Hollywood, der Film "Casablanca"; er hat mit Buster Keaton vor der Kamera gestanden; sein Buch "Zu wahr, um schön zu sein", das gerade in der zweiten Auflage im Henschel-Verlag in Ostberlin erschienen ist, dessen witzelnde Lebensbeschreibung nicht ohne Bitterkeit ist. Also kurz: einer, der so legendär berühmt ist und so nicht berühmt, diesen Menschen möchte ich sehen und über ihn schreiben.

"Tja" und "Na ja" und "Ach, das war ja...". sagt Bois. Er hat sich das anders vorgestellt: "Ich habe mir erst gedacht, daß Sie hierher gekommen sind, weil in letzter Zeit haben doch sehr viele Menschen angerufen. Wenn; ein Mensch 81 Jahre alt ist, dann nimmt man natürlich an, daß man etwas machen muß. Vielleicht. Ich habe mir gedacht, Sie rufen an und sagen, halt, jetzt schreib’ ich schnell was, damit ich das dann aus dem Archiv ziehen kann. Und das habe ich mir so überlegt, da werden Sie rumsuchen und fangen mit A an. Also A. Abbado, Claudio, geboren 1933, Dirigent, italienischer Dirigent. Na ja also, das ist noch ein bißchen früh, weg damit. Der ist noch nicht tot. Dann habe ich mir gedacht, Baldwin, James. Kennen Sie ihn? Ja. Der ist geboren 1924, afro-amerikanischer Erzähler, zur schwarzen Befreiungsbewegung gehörend. Dann kommen Sie weiter auf B. Bois, Curt, geboren 1901, Schauspieler, zur weißen Befreiungsbewegung gehörend, nicht? Das habe ich mir also gedacht."

3.

Das war Curt Bois als Interviewer. Er geht jetzt den Whiskey holen, Whiskey-Soda. Im dunkelblauen Cordanzug, im gelben Hemd, einen schmalen Seidenschal um den Hals. Er hat irgendetwas Amerikanisches an sich.

"Also gut, Sie haben mich also nicht gesehen." – "Es ist ja eigentlich kein Wunder, daß Sie mich nicht gesehen haben, denn ich habe ja mit sieben Jahren bereits aufgehört zu spielen." "Angefangen", wollte er sagen, "und 1978 habe ich aufgehört damit. Das sind siebzig Jahre Theater. Das ist genug, einmal muß Schluß sein."

Wir sprechen über einen Film, den Bruno Ganz und Otto Sander über Curt Bois und Bernhard Minetti gedreht haben, Der Film heißt "Gedächtnis", die beiden jüngeren Schauspieler befragen die beiden alten, nennen sie "Ahnen unseres Berufsstandes". Herr Bois bekommt die Frage gestellt, warum er Schauspieler geworden sei. Kurzerhand gibt er die Frage an die Jungen zurück. (Der Film ist schön, gerade durch die großen Unterschiede zwischen allen vier Schauspielern.)

Überhaupt will er viel lieber etwas von anderen Menschen erfahren als über sich reden. "Ich habe ja jetzt nichts mehr zu tun" (wenn er gerade kein Fernsehen macht, was er "Naschen" nennt), "und meine Arbeit ist, falls es so etwas überhaupt gibt, Geschichte." Er photographiert Plakate und Schlagzeilen. Die Schlagzeile des Tages war: "Liebespaar auf der Couch erstickt." Die Berliner BZ nennt er das "einzige literarische Blatt Westberlins". Er kramt aus seiner Brieftasche Photographien hervor. Endlich hat er die Schlagzeile gefunden: Die Deutschen. Ihre starken Hände. Ihre guten Herzen. Ein Mensch wie er muß sich darüber wundern, meint Bois, während Herr Begin oder Herr Galinsky das sicher ehrenwert fänden.

Er erzählt, daß viele junge Menschen zu ihm kommen, um mit ihm zu sprechen. Aber er versteht schwer, was man über ihn schreiben will. Er ist auf keiner Bühne mehr zu sehen, über sein Leben hat er selber ein Buch geschrieben, und vor einem Kassettenrecorder kann er auch gar keine "Kinkerlitzchen" machen. Die gehören für ihn

unbedingt zum Erzählen dazu: das Gesichtermachen, das Gestikulieren, die Stimme verstellen, Geschichten nachspielen; und das überraschende, plötzliche Lächeln, das ihn fast jugendlich-amerikanisch erscheinen läßt, nicht nur wegen der blendenden Zähne, die da zum Vorschein kommen; Zustimmung will dieses • Lächeln abholen, und gleichzeitig distanziert es sich von jedem möglichen großen Ernst,

4.

In dem Film "Gedächtnis" von Sander und Ganz springt der kleine alte Mann im Pelzmantel eine Berliner Straße entlang, und man hört das Chanson, das Bois gesungen hat: "Ich mache alles mit den Beinen." Töne, die so lange verklungen sind. "Schau doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin, was ist schon dran an Argentinien", das ist doch noch im Ohr; das hat er auch gesungen. Aber Bois mag nicht von früher reden, nicht über Kollegen, nicht über die Ufa, nicht übers Theater. Mit alten Menschen, sagt er, kann er nichts anfangen. "Ich kann mit mir selber nichts anfangen."

"Ein Schauspieler hat es eigentlich schwer. Denn wenn die Generation, die ihn noch gesehen hat, nicht mehr da ist, erinnert sich keiner mehr an ihn, oder wer spricht noch von Josef Kainz?" "Ich war ja Komiker. Und der Humor kommt nicht aus der Freude. Der Humor kommt aus der Trauer."

Bois ist entsetzt über den niveaulosen Unterhaltungskram im Fernsehen, Die Leute würden aber auch über alles lachen. Seltsamerweise lachen sie sogar über einen guten Komiker. Zum Beispiel Otto Sander, "über den lachen sie auch". Um erst gar nicht von dem "Genie" zu sprechen, von Charlie Chaplin. Am Abend vorher hatte er den Film "Limelight" gesehen. Das will er sich merken: Er will nachher seine Frau fragen, ob sein Eindruck richtig war. Ihm erschien dieser Film gestern etwas zu sentimental, fast ein bißchen veraltet.

5.

Mit Curt Bois kann man sich wirklich über alles unterhalten, nur nicht über Theater. Ob denn in Hamburg die Trabrennbahn Bahrenfeld abgerissen wäre oder die in Farmsen. Also, Farmsen ist abgerissen, Bahrenfeld gibt es noch. – Meinen Ausführungen über Theater, Komiker, das Publikum hört er interessiert zu. Er sagt "aha" und "kann sein" und "ich weiß das nicht".– Er hat es eben gemacht.

Legendär sind seine Rollen, die er seit 1957 unter der Regie von Fritz Kortner gespielt hat: Malvolio in "Was ihr wollt", Spiegelberg in Schillers "Räubern", Sganarelle in "Don Juan", Argan im "Eingebildeten Kranken". Das ist nur ein verschwindend kleiner Teil der Rollen, die er gespielt hat bis 1978. Die Kritiker schreiben: "unbeschreiblich", "Orgien des Understatements", "ganz zart und chaplinesk", "Komik mit dem Silberstift", "was der da treibt, ist mit Worten gar nicht einzufangen", "Clownerie ständig in Gipfelhöhe", "Das Dach des Schillertheaters bebt".

Zwanzig Jahre lang habe sich niemand für ihn interessiert und jetzt, "vor Toresschluß", kämen so viele. Curt Bois hat an der Veranstaltung "Künstler für den Frieden" in Bochum teilgenommen. "Es gibt zur Zeit gar nichts Wichtigeres; die Hetze gegen die Sowjetunion ist schon wieder so stark." Hoffend sagt er: "Es hat auch schon ein bißchen geholfen." Das mache er nicht für sich, sondern für die jüngeren, Jungen und die ganz Kleinen.

6.

Während unserer Unterhaltung muß er ständig daran denken, daß daraus etwas zum Lesen werden soll: "Ja also, ich habe angefangen politisch zu denken im Hause Brecht in Kalifornien. Das war Anfang der 40er Jahre. Vor allem durch Paul Dessau und Brecht natürlich." Sein Freund Hans Winge habe ihn bei Brecht eingeführt. "Winge, der ein leidenschaftlicher Spaziergänger war und von einem Auto überfahren worden ist."

In Hollywood hat er sich recht und schlecht durchgeschlagen. Er ist zwar stolz darauf, daß er schon nach einem Jahr Amerika am Broadway gespielt hat, aber dann ging es nicht weiter, und er mußte sich mit kleinen Rollen (neben allerdings großen Partnern) über Wasser halten. Nach 1945 wollte der Berliner Intendant Barlog ihn zurückholen. Bois hatte aber kein Geld für die Überfahrt. Thomas Mann setzte sich bei Langhoff für ihn ein, 1950 konnte er zurückkehren. Die ersten Jahre spielte er wenig, vorwiegend in der DDR. 1960 schrieb Friedrich Luft über seinen Sganarelle am Westberliner Schiller-Theater: "Damit ist dieser außerordentliche Komiker erst richtig heimgekehrt." Da war er schon zehn Jahre lang da.

Seinen Abschied von der Bühne feierte er 1975 in Ostberlin. Der Abend hieß: "Zu wahr, um schön zu sein." Bois meint bescheiden, da habe er aus dem Buch gelesen. Man lud Curt Bois ein, diesen Abend in Westberlin zu wiederholen. Er lehnte ab. – "Ich war in keiner Partei, ich bin in keiner Partei, ich bin nicht einmal in der Bühnengenossenschaft gewesen. Aber ich bin Sozialist. Daß der Sozialismus siegen wird, ist sicher. Kommunist kann ich nicht sein, weil ich Karl Marx nicht gelesen habe. Dann kann man ja kein Kommunist sein."

7.

Curt Bois stellt den Kassettenrecorder ab. Das Band ist vor allem für ihn (ich konnte es gut brauchen); er ist aus Erfahrung mißtrauisch gegenüber der Journaille.

Er telephoniert mit einem italienischen Restaurant und bestellt einen Tisch für sechs Personen. "Jetzt können Sie einmal sehen, was für ein großer Betrüger ich bin." Wir sind schließlich vier Personen, und er sagt später entschuldigend dem Kellner, daß seine Eltern wohl nicht mehr kommen. Der Kellner lächelt milde, entweder kennt er seinen Pappenheimer schon, oder er hört gar nicht zu; jedenfalls ist dem Bois das wurscht, es ist schließlich sein Vergnügen.

Er ist ein Querkopf, dieser zarte alte Bois in seiner großen Höflichkeit und seiner lakonischen Verschwiegenheit. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er sich in Konzepte fügt, irgendwo einordnen läßt. Da sitzt er am Kopfende des Tisches, liebt Pferderennen, Zwerge und das "um die Häuser gehen" und ist hellwach zu fortgeschrittener Stunde. Am liebsten beobachtet er Menschen, leidenschaftlich gern. Manchmal ahmt er jemanden so zwischendrin nach. Er freut sich darüber und denunziert niemanden.

8.

"Wenn es ‚Das Boot‘ gewesen wäre, dann hätte jeder den Film gesehen", sagt er. Er meint aber den wunderbaren Film von Markus Imhoof "Das Boot ist voll" (1980). Der Film spielt 1942: eine kleine Gruppe von Juden auf der Flucht in die Schweiz. Von dort werden sie wieder nach Nazideutschland abgeschoben... Bei ihnen ist ein sehr alter Mann. Diesen alten Juden spielt Curt Bois. Mit Hut, Mantel und Koffer, unrasiert; fragil, scheu ist seine Erscheinung. Selbst in den Momenten größter Angst bewegen nur große, unbestechlich ernst blickende Augen sein Gesicht. Ein Clown. Er erinnert an Buster Keaton, um ja nicht von dem "Genie" zu sprechen ...

Spät am Abend fragt Curt Bois seine Frau nach ihrem Eindruck von "Limelight". Sie meint, daß Chaplin nicht zu sentimental sei; er kenne doch genau die Grenze, bis zu der er gehen könne, und veraltet erscheine ihr der Film auch nicht. Bois hört ganz aufmerksam zu. Er wirkt leicht erstaunt; er will das wohl gerne glauben, aber irgendwie ist er nicht davon überzeugt.

9.

Zu sehen ist Curt Bois jetzt inmitten seiner großen und kleinen Filme, in großen und ganz kleinen Rollen. Während der Berliner Filmfestspiele zeigt die Deutsche Kinemathek eine Curt-Bois-Retrospektive. Am 26. März wird im Hamburger Metropolis der Film "Gedächtnis" von Bruno Ganz und Otto Sander gezeigt. Curt Bois kommt eigens dafür und wiederholt auf der Bühne des Kinos seinen Theater-Abschiedsabend: "Zu wahr, um schön zu sein."