Von Gabriele Venzky

Neu-Delhi, im Februar

Die blutigsten Wahlen in der Geschichte der indischen Nation sind nach mehrfachen Verzögerungen zu Ende gegangen. Nach den bisherigen Auszählungen liegt Indira Gandhis Kongreß-Partei im Bundesstaat Assam in Führung. Aber so rechte Freude mag darüber bei den vermutlichen Siegern nicht aufkommen. Die blutigen Auseinandersetzungen dämpfen jedes Triumphgefühl. Selbst in der Umgebung der Premierministerin wird mittlerweile laut darüber nachgedacht, ob es überhaupt richtig war, in der unruhigen Provinz wählen zu lassen.

Mehr als tausend Menschen sind umgekommen, nachdem die militante assamesische Opposition Anfang des Monats zum Boykott der Wahlen aufgerufen hatte. Menschen wurden zerhackt, verbrannt, erschossen, mit Pfeilen durchbohrt. Möglicherweise ist die Zahl der Getöteten noch höher als offiziell angegeben. Der Staat im Nordosten ist kaum zugänglich, und ausländische Beobachter wurden nicht hineingelassen. In den indischen Nachrichtensendungen werden die Todeszahlen der eigenen Presseagentur nicht oder erst dann verwendet, wenn sie am Tag zuvor von der BBC, der Voice of America oder den Sendern der Nachbarländer aufgegriffen wurden.

Die Inder können sich deshalb nur indirekt ein Bild vom Ausmaß der Tragödie machen, die sich im Nordosten ihres Landes abspielt. Sie hören, daß sich die Behörden des benachbarten Meghalaya hilfesuchend an die Zentrale in Delhi wenden, weil innerhalb von drei Tagen über zehntausend Flüchtlinge bei ihnen Schutz gesucht haben. Und sie sehen in Zeitungen und im Fernsehen eine Indira Gandhi, die mit versteinertem Gesicht einen Tag lang durch die Hospitäler und Notstationen Assams eilt und den Schreckensberichten der Verletzten lauscht. "Unterdessen hängt über den niedergebrannten Dörfern noch immer der Rauch, der nach verbranntem Fleisch und verbranntem Holz riecht", berichtet der Indian Express.

Anlaß der Unruhen ist vor allem die sogenannte Ausländerfrage. Seit Generationen sind in das Land an den Ufern des Bramaputhra die Fremden eingeströmt: Teearbeiter aus den übervölkerten indischen Unionsstaaten Uttar Pradesh und Bihar, in der Mehrzahl Hindus und Bengalis, die bereits die britische Kolonialmacht für die Verwaltung des rückständigen Territoriums importierte; aber auch Bengalis aus Bangladesch, die dort nichts mehr zu essen fanden. Sie sind in der Mehrzahl Muslime. Vier bis fünf Millionen Fremde, behaupten die Assamesen, sind auf diese Weise ins Land geströmt. Die eingesessene Bevölkerung fühlt sich überrannt. Der populäre Slogan entstand: Raus mit den Ausländern.

Die Unruhen in Assam gehen auf das Jahr 1978 zurück. Damals hatte der Oberwahlleiter des Landes verkündet, die politischen Parteien seien dafür, auch Nicht-Inder an den Wahlen zu beteiligen. Allerdings sprach er von dem Nachbarstaat Sikkim, in dem eine halbe Million nepalesischer Fremdarbeiter lebt. Doch diese Nuance beachtete schon niemand mehr, und das Morden in Assam begann: Hindus gegen Bengalis, Hindus gegen Moslems, Bengali sprechende Assamesen, alteingesessene Einwanderer gegen neuangekommene Einwanderer, Teearbeiter gegen Industriearbeiter. Die Wahlen von 1979 wurden wegen schwerer Auseinandersetzungen für ungültig erklärt. Angeblich standen zu viele illegale Zuwanderer aus Bangladesch und aus dem indischen Unionsstaat Westbengalen auf den Wahllisten. Allein in einem einzigen Wahlbezirk sollen es 4500 gewesen sein.