Lesen hat auf mich eine ausgesprochene Drogenwirkung. Wenn ich im Speisewagen sitze und ein Buch lese, komm’ ich mir ein bißchen unanständig vor. Wenn ich dann ringsum all’ die Nichtleser sehe, dann hab’ ich das Gefühl, ich tue was Unanständiges; und ich erlebe es als was Unanständiges... Ich sitze nämlich nicht im Speisewagen, sondern irgendwo in der Südsee, in den Tropen, mit Joseph Conrad... Ich lese übrigens Romane selten zu Ende, Ich bin nach zehn Seiten so begeistert vom Roman und erzähle überall, was das für ein phantastisches Buch ist... Und da kommt dann einer und sagt: „Ja, aber im letzten Fünftel, da fällt es dann ein bißchen zusammen.“ Was sind das für Idioten, die das letzte Fünftel eines Romans lesen!

Der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel in einem Gespräch mit Klaus-Michael Hinz, „Frankfurter Rundschau“, 19. Februar.

Vatikan in Amerika

Schon bevor die Ausstellung offiziell ihre Türen öffnet, werden über 100 000 Leute sie gesehen haben: „Die Sammlungen des Vatikan – das Papsttum und die Künste“, die wahrscheinlich ambitionierteste und glänzendste Ausstellung, die jemals zusammengebracht und auf Reisen geschickt wurde, war vor ihrer Eröffnung am 26. Februar im New Yorker Metropolitan Museum bereits vier Wochen lang für Mitglieder des Museumsvereins (in Amerika das Rückgrat eines jeden Museums), Mitarbeiter des Hauses sowie angemeldete Kunstreistgruppen zugänglich. Was nach der Eröffnung passiert, weiß niemand, aber, wie man aus Erfahrung mit „Tut Anch Amun“ weiß, hat der, der sich so einfach an die Museumskasse stellt, wohl keine Chance: Ohne Kartenvorbestellung, Glück und dann noch Geduld beim Besichtigen nach rationiertem Zeitplan geht nichts. Mit einem Etat von acht Millionen Dollar ist die vierzehnmonatige Reise der 237 Kunstwerke aus den Beständen des Vatikan (bis 12. Juni in New York, vom 21. Juli bis 16. Oktober in Chicago, vom 19. November bis 19. Februar 1984 in San Francisco) eine einzige Kette von Superlativen. Der Vatikan, der bisher nur einmal ein wertvolles Werk auf die Reise geschickt hat (1964 die „Pietà“ zur Weltausstellung) hat von der Wunschliste der Amerikaner kaum ein Werk gestrichen: Vom Apollo von Belvedere über Fra Angelicos Perugia-Triptychon bis hin zu Caravaggios „Grablegung“ ist alles dabei, was die Vatikanischen Sammlungen zu dem macht, was sie sind: ein Schatzhaus ohne Parallele. Die Reise der Kunstwerke, mit amerikanischer Professionalität vorbereitet und gesichert, hat unter italienischen Kunsthistorikern einige, (verständliche) Proteste hervorgerufen. Für den Vatikan jedoch (die Vorbereitungen begannen schon 1978) bringt sie nicht nur die Verbreitung kirchlichen Glanzes in der Neuen Welt, sondern auch die kostenlose Restaurierung der Werke (580 000 Dollar) und zehn Prozent der Einnahmen durch Kataloge, Postkarten und andere Souvenirs.

Lektor straf versetzt?

Wie wenig gewachsene Beziehungen und menschliche Verbindungen im Verlagswesen zählen, demonstriert der Berliner Ullstein Verlag. Der verantwortliche Lektor der wissenschaftlichen Taschenbuchreihe „Materialien“, Andreas Catsch. ist von seinen „Pflichten entbunden“ und ins Sachbuchressort abgeschoben worden. Das sieht arg nach Strafversetzung eines der wenigen. Buchmacher aus, die einer Reihe noch Profil geben. „Mit Schrecken und Bestürzung“ haben in einem „Offenen Brief“ zweiundzwanzig Berliner Autoren, Herausgeber, Übersetzer und Gutachter, der Buchreihe, unter ihnen Peter Krumme, Wolfgang Dreßen, Werner Hamacher und Wolfgang Schivelbusch, auf diese Entscheidung reagiert, die „vollkommen unverständlich“ sei, da Catsch „seit über einem Jahrzehnt mit dieser erfolgreichen Reihe zum kulturellen Leben und zur geistigen Auseinandersetzung beigetragen“ habe. Nur wegen der guten Erfahrungen mit diesem „phantasievoll und kritisch“ arbeitenden Lektor, der die „Materialienreihe“ begründet hat, hätten die Unterzeichner sich vor Jahren „dem Autorenboykott gegen den Springer-Verlag nicht angeschlossen“. Der Verlag verweist auf einige Bände, die sich nur schwer absetzen ließen. Aber gehört das nicht zum Charakter einer so wichtigen „Materialien“-Reihe, die wegen ihres niedrigen Preises vor allem auch von Studenten geschätzt wird, daß es auch schwierige und schwer abzusetzende Bände gibt, die gleichwohl den Geist der Reihe repräsentieren? Die Autoren fürchten jetzt nicht nur eine Nivellierung, sondern gar die Einstellung der Reihe.

Festival der Existenz