München

Theresa, 20 Jahre alt, ist im Begriff, den Tisch zu decken. Ihre Mutter bemerkt es. „Das mach ich schon allein“, sagt sie und nimmt Theresa das Geschirr aus den Händen.

Mit deutlicher Unlust fädelt Irene eine Drahtspirale durch eine Plastikscheibe. Der Meister tritt hinzu, fordert die junge Frau auf, schneller zu arbeiten. Irene verlangsamt ihr Tempo. „Wenn du frech wirst, rufe ich deine Schwägerin an“, droht er.

Szenen aus dem Alltag geistig Behinderter. Sie stammen aus einem Videofilm, in dem die Darsteller ihre eigene Situation in Rollenspielen wiedergeben. Seit letztem September nehmen Theresa, Irene und 25 weitere geistig Behinderte zwischen 18 und 38 Jahren an einer in der Bundesrepublik einmaligen Förderungseinrichtung teil. Vorbild für die vom Theodor-Heckel-Bildungswerk (THBW) in München gegründete Tagesbildungsstätte (Tabs) ist die vor elf Jahren in Kopenhagen ins Leben gerufene Volkshochschule für geistig behinderte Erwachsene. Das dänische Modell versucht, an ihre Bedürfnisse und Interessen anzuknüpfen. Nicht ihre Defizite, sondern ihre Fähigkeiten sind Ausgangspunkt eines auf die Teilnehmer zugeschnittenen lebensnahen Bildungsprogramms. Erreicht werden soll, daß Behinderte, durch die Bescheinigung „Das kannst Du nicht“ in der Regel zum Verzicht angehalten, Selbstvertrauen gewinnen und sich von Erfolgserlebnissen stärken lassen.

Das Münchener Modell entstand auf persönliche Initiative des Pädagogischen Leiters des THBW, Johannes Stöhr. Fünf Sozialarbeiter(innen), eine Psychologin und eine ehrenamtliche Mitarbeiterin betreuen die fünf Projektgruppen der Tabs. Eine Aufgabe, die ohne Lehrpläne von allen Beteiligten Improvisationstalent und Einfühlungsvermögen verlangt.

Die geistig Behinderten besuchen die Tabs sieben Stunden täglich und können wahlweise an einer Video-, Zeitungs-, Renovierungs- und Freizeitgruppe mitarbeiten oder reihum fünf Tage lang in einer Wohngruppe leben. Voraussetzung für die Aufnahme in die Tabs ist nicht nur Volljährigkeit, sondern auch der Nachweis eines Arbeitsplatzes in einer Behindertenwerkstatt.

Daß individuelle Begabungen geweckt, Talente erprobt und Interessen geschult werden können, erfahren die Teilnehmer der Tabs zum ersten Mal. Ohne Leistungsdruck, mit der Sicherheit ihres für die Dauer des Modellversuchs freigehaltenen Arbeitsplatzes können sie sich hier scheinbar nutzlosen Tätigkeiten widmen wie dem Malen von Kulissen, der Konzeption eines Drehbuchs und dem Herstellen einer eigenen, im THBW vertriebenen Zeitung. In der Dezemberausgabe berichten Redaktionsmitglieder von gemeinsamen Ausflügen, einem Besuch im Museum und im „Theater der Jugend“, schildern an Hand eines abgedruckten Beschwerdebriefes die geringschätzige Behandlung der Behindertengruppe in einem Münchener Kaufhaus, und Christian veröffentlicht seinen von Illustrationen und Zeichnungen eingerahmten Aufsatz über das Leben seines Lieblingskomponisten. Ingrid, die nicht schreiben kann, aber dennoch – ein Grundsatz der Tabs – von Anfang bis Ende in die Projektarbeit miteinbezogen wurde, hat ihren Beitrag auf Tonband aufgenommen und von einem anderen Mitglied der Zeitungsgruppe abtippen lassen.