/ Von Heinz Josef Herbert

Die Signora padrona ist stolz, verblüfft und ratlos zugleich. Einen ganzen Abend lang hat sie versucht, ein Gespräch mit ihren Gästen zu führen, die schließlich viele tausend Kilometer Anreise hinter sich haben und die in den kommenden Tagen zu den Stars zählen sollen. Daß die Unterhaltung immer wieder stockte ist weniger ein Sprach- als ein Sprechproblem: Die neu angekommenen Damen und Herren sind sämtlich taubstumm.

Aber Gesten, Karten und Schrifttafeln haben geholfen, ein wenig klarzumachen, woher man kommt, wie man so lebt, daß man das Dolomitenpanorama wunderschön findet, daß man gleich die berühmte Rennpiste besichtigt hat und Respekt vor ihr empfindet. Plötzlich steht einer der jungen Herren auf, geht in Richtung Hotelausgang, winkt der Signora zu, sie möge mitkommen, breitet die Arme leicht aus, wiegt sich ein bißchen im Oberkörper – er möchte mit der Frau Hotelbesitzerin tanzen gehen. Nach einer Schrecksekunde fallen ihr die adäquaten Gesten ein, sie zeigt auf die Uhr, legt die Hände zusammen, schiebt sie unter den schräg gehaltenen Kopf: Es ist schon spät, sie möchte schlafen gehen. „Mein Gott“, fragt sie später, als die Gruppe zu einer Diskothek aufgebrochen ist, „wonach werden die eigentlich tanzen?“

Winterolympiade für Gehörlose

Und wie werden sie den Startschuß zum Eisschnellauf oder den Rückruf bei einem Fehlstart hören? Die Abfahrt- und Slalom-Spezialisten haben es da schon leichter – ein Wink, und ab geht die Post. Aber wie hat wohl der Trainer den Läufern die entsprechenden Techniken beigebracht? Und wie, bitte, könnte der Favorit angefeuert werden? Denn die Damen und Herren sind, neben rund zweihundert anderen, aus Australien und den USA nach Madonna di Campiglio gekommen. um teilzunehmen an der „X. Winterolympiade der Gehörlosen“.

Diese giochi mondiali bilden ein nicht unwichtiges, aber doch auch nicht herausragendes Ereignis in einer langen Kette von manifestazioni, mit denen sich Madonna seinen Gästen empfiehlt und sich selber in der Schlange der Wintersportorte nach vorn drängelt. Die Liste begann diese Saison mit der „Internationalen Veteranen-Trophy“ am 10. Dezember und wird am 25. April mit einem „Skifest“ zusammen mit den Skiclubs der Lombardei und Venetiens schließen. Dazwischen liegen, neben Ausstellungen und Kongressen, unter anderem spektakuläre internationale Slalomkonkurrenzen für Volks- und Betriebswirtschaftler, für Bankangestellte, Kinderärzte, Promovierte, Seilbahnangestellte, Optiker und, selbstverständlich, Journalisten. Aber auch mehrere ernsthaftere Qualifikationen: interne Ausscheidungen für den Nationalkader, für den Renn-Nachwuchs, die Junioren der Region, die ortsansässige Jugend. Schließlich bedeutsame Wettbewerbe im Langlauf und im Eisschnellauf auf einer rekordverdächtigen Natureisbahn.

Und eben die „3-Tre“. „Tre giorni nel Trentino“ – drei läge im Trentino waren es einmal, Ende; der vierziger Jahre. Damals reiste der wohl erste Ski-Wanderzirkus für Abfahrt, Slalom und Riesenslalom nach Bondone, Serata Folgarida und Paganella. Bald aber schon bemächtigten sich Madonna di Campiglio und Canazei an der Marmolada dieser Rennen. Heute lassen sich die „drei Tage“ kombinieren aus der Weltcup-Abfahrt im Grödental und den beiden Slalomtagen in Madonna di Campiglio, traditionsgemäß um den 20. Dezember herum.