Von Aloys Behler

Das Telephon wetteifert mit der Haustürklingel, Fritz Thiedemann kann nicht sofort öffnen. „Tschuldigung“, sagt er fröhlich, als er den Besucher hereinläßt, „Sie werden es nicht glauben: Da hat gerade jemand angerufen, aus Eckernförde, der wollte wissen, ob Meteor noch lebt.“

Das Staunen über solche Beweise von Anhänglichkeit, von fortdauernder Gegenwart einer scheinbar längst abgehakten Vergangenheit, hat sich Fritz Thiedemann noch nicht abgewöhnt: „Ist doch nett, nich?“, fragt er. Dabei legt sich über die mit den Jahren noch markanter geprägten Furchen um die Nase ein Anflug von Belustigung. Fritz Thiedemann verbirgt dahinter seine Rührung; Sentimentalität geht ihm wider die Dithmarscher Bauernnatur.

Nein, Meteor lebt nicht mehr, seit dem 26. August 1966 nicht mehr, Name und Datum sind eingeschlagen in das blanke Eisen, das der ruhmreiche Wallach aus Holsteiner Zucht als letztes Hufeisen trug. Als schmiedeeiserne Reliquie hängt es jetzt bei Thiedemann in Heide neben dem Kamin im Wohnzimmer. Ein Stück von Meteor, das für den Reiter Fritz Thiedemann ein Stück seines Lebens repräsentiert. Mit Andacht nimmt er es vom Haken. Man darf gern mal anfassen, die Nostalgie ist nach Art des Hauses: handfest.

Respektvoll nimmt der Gast zur Kenntnis, daß Meteor hier noch weitere Eisen im Feuer hat – der Kaminrost ruht auf ihnen. Es sind jene, die Meteor bei seinem und seines Reiters Abschied vom Turniersport im Sommer 1961 in Aachen trug. „Und das da“, sagt Fritz Thiedemann und weist auf ein Riesending, das als rückwärtige Stütze des Rostes dient, „stammt von Godewind.“ Unverkennbar, der Wallach lebte auf großem Hufe.

In dem Arsenal seiner Erinnerungsstücke hat Fritz Thiedemann von jedem Pferd, das er schätzte, mindestens ein Eisen aufgehoben. Nicht nur von den Pferden, die er selbst ritt, nicht nur von Meteor, Loretto, Diamant, Finale, Retina oder Godewind, sondern auch von Pferden seiner Konkurrenten.

Auch Hans-Günter Winklers kapriziöse Halla hat noch ein Eisen im holsteinischen Heide. Das bringt Fritz Thiedemann auf die alten Zeiten. „Der Hans und ich“, sagt er, „waren ja Konkurrenten, und wir waren grundverschieden Aber wir waren auch Freunde, wir hatten nie einen Streit miteinander.“ Ohne falsche Verklärung, realistisch stellt sich Fritz Thiedemann im Rückblick das Verhältnis der beiden Reiter dar, die mit ihren mittlerweile legendären Taten im Turniersport der Nachkriegszeit quasi nebeneinander im Sattel zu Idolen wurden, und das nicht nur für die Reiterei: „Ich brauchte ihn, um Erfolg zu haben. Und er brauchte mich.“