Die türkische Gruppe „Kobra“

Von Klaus Pokatzky

Ganze drei türkische Rock-Gruppen gibt es, erzählt Fevzi. Und alle drei leben außerhalb ihres Heimatlandes. Fevzi gehört zu der Gruppe „Kobra“ – bestehend aus: Hayrettin Öneşol, Fevzi Bineytioglu, Nedim Ünal, Adnan Bayrakçi. Sie sind 22 bis 28 Jahre alt und wohnen alle in West-Berlin, wo hunderttausend Menschen aus Anatolien und vom Bosporus leben. Diese Menschen tun sich auch in der zweiten und dritten Generation weitaus schwerer mit der Kultur ihrer ungastlichen neuen Heimat als etwa Italiener, Spanier, Griechen. Für diese jungen Türken will „Kobra“ eine „kulturelle Brücke sein zwischen Europa und Orient“, mit einer Musik, die sie selbst am liebsten „Orient-Rock“ nennen. Es ist eine Mischung von westlichen Rock-Klängen mit Tönen der orientalischen Musik, die Verbindung von Schlagzeug, E-Gitarre, Baß und Keyboard mit der Saz, der in der Türkei weitverbreiteten sechssaitigen Laute.

„Kobra“ möchte aber auch in deutschen Landen gleichsam eine dritte Kultur schaffen. Die vier Musiker sind Anfang der siebziger Jahre mit ihren Eltern nach Berlin gekommen und haben sich in der türkischen Musikszene von Kreuzberg kennengelernt: der Schlagzeuger Hayrettin, der Buchhalter wurde, Fevzi, der Elektroinstallateur, der Student Nedim und der Fräser Adnan. Unter den Namen „Atlantic“, „Westwind“, „Harem V“ hatten sie traditionell türkische und die übliche Disco-Musik gemacht: in Nachtclubs, auf türkischen Hochzeiten und Beschneidungsfeiern. Erst im Sommer 1980 fanden sie ihren eigenen Stil, eben den „Orient-Rock“.

Die jungen Türken in Deutschland, das hatten sie am eigenen Leib erfahren, „schweben so in der Luft und wissen nicht, wo sie hingehören“, sagt Fevzi. „Sie hören dann am liebsten englische Texte, die sie nicht verstehen oder die türkische Folklore, die ihnen hingeschmissen wird.“ Nun bekommen sie von „Kobra“ anderes serviert. Bei allen orientalischen Zwischentönen doch noch stark westlich-rockig klingende Musik – und dazu türkische Texte, „wo wir Freundschaft besingen und so“. Fevzi betont: „Was wir machen, ist nicht politisch, sondern die Meinung des kleinen Mannes.“ Die Vorsicht, die daraus spricht, kommt nicht von ungefähr. Viele der in der Bundesrepublik lebenden jungen Türken haben noch große Angst, gegen die traditionellen Werte und überkommenen Lebensweisen ihre eigene Lebensart zu setzen – schließlich legen daheim die Militärs gegen derartiges heftige Daumenschrauben an, und deren Einfluß reicht über die Grenzen weit hinaus. Wenn in dem Stück „Gerçek“ (Die Wahrheit) Fevzi singt, „red’ nicht drum herum, laß uns endlich zur Sache kommen“, so ist das für unsere westlichen Ohren, die da ja einiges gewohnt sind, die übliche harmlose Zweideutigkeit, für türkische Vorstellungen aber schon reichlich gewagt. Und die weiße Friedenstaube vor blauem Hintergrund, die ihre erste Langspielplatte „Bariş/Frieaen“ schmückt, soll, falls sie vielleicht bald in der Türkei verkauft wird, vorsichtshalber verdeckt werden.

Gleichwohl können die Texte so brisant nun auch wieder nicht sein, schließlich, sagt Hayrettin stolz, „werden die Stücke in der Türkei jeden Tag im Radio gespielt“. Im Juni wollen sie eine zweiwöchige Tournee nach Izmir, Ankara und Istanbul machen.

Für ihre deutschen Hörer haben sie ein Lied geschrieben, mit dem sie letzten Sommer in der Berliner Waldbühne großen Erfolg hatten: „Die Mauer in deinem Kopf.“ Als Vorgruppe der DDR-Starband „Karat“ sangen sie zum großen Vergnügen der 15 000 Rock-Fans ganz im Stil der Zeit:

„In der Welt ist Leben

Millionen von Planeten

Unser ist die Erde

Steck’ sie nicht in Brand

Benutz’ deinen Verstand

Mach’ sie kaputt

Die Mauer in deinem Kopf

Dann wird alles gut, dann wird alles gut

Du sprichst nicht meine Sprache

Du denkst nicht wie ich denke

Aber unsere Gefühle haben die gleichen Ziele.“

Ansonsten müssen sich die deutschen Hörer, die des Türkischen nicht mächtig sind, mit einer ungewöhnlichen Musik begnügen, ohne die dazugehörenden Texte zu verstehen. Das scheint sie nicht zu stören: Von den 1000 Exemplaren, die sie von ihrer allerersten Platte verkauft haben, ging die Hälfte an deutsche Musikfreunde. Fevzi: „Das sind so Leute, die die ganz ausgefallenen Sachen suchen, die fahren darauf „ab.“ Auch bei ihren Konzerten im tiefsten Kreuzberg oder in Walsrode bei Hannover können sie auf das Wohlwollen ihrer deutschen Zuhörer rechnen, von Ausländerfeindlichkeit ist da, wo sie spielen, nicht viel zu merken.

Die bekommen sie nur indirekt mit: Hayrettins Freund wurde neulich in der U-Bahn-Station von einem älteren Deutschen geohrfeigt, weil er rauchte. Vor der herbeigerufenen Polizei pöbelte der Schläger dann noch weiter: „Bei einem Scheißausländer entschuldige ich mich nicht.“

„Kobra“ jedenfalls hat eine ungewöhnlich gute Resonanz, im ZDF hat sie gespielt und im Bayerischen Rundfunk im WDR, SFB und im Österreichischen Fernsehen. Nur die großen Plattenfirmen reagieren nicht: „Sie sollten erst mal mehr deutsche Stücke machen“, hat Manager Ulli Weigel von den Konzernen zu hören bekommen.

Ulli Weigel hat ein Studio in Berlin und früher auch die Gebrüder Blattschuß gemanagt. Er liebt die „ausgefallenen Sachen“. Für ihn ist die Gruppe „Kobra“ vergleichbar mit Udo Lindenberg vielleicht, und er denkt gar nicht daran, seinen Optimismus aufzugeben. Dabei weiß er natürlich auch, daß „Kobra“ erst am Anfang ihres musikalischen Weges ist und noch arbeiten muß, um einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil zu finden.

Während Fevzi und seine Freunde der dritten Ausländergeneration „einen Ast anbieten wollen, an den sie sich kulturell klammern können“, ist für sie selbst noch gar nicht mal ausgemacht, ob sie von einer stärkeren Integration der Ausländer profitieren würden. „Wir haben uns hier eingelebt“, sagt Fevzi, „aber wenn wir alt sind, dann wollen wir vielleicht doch wieder zurück, dann können wir uns hier auch nicht mehr durchschlagen.“ Schließlich: „In der Türkei, in der Großfamilie, da wirst du nicht ins Altersheim gesteckt wie hier, sondern da lebst du als Großvater in der Familie, bis du stirbst.“