Eine sanfte Revolution schickt sich an, die industrielle Welt zu verändern

Von Wolfgang Gehrmann

Der Räuber verließ sich auf seinen Riecher. Zunächst hatte die Neugier des Besuchers aus der Sowjetunion ganz arglos geschienen.. Ob er denn jene Mikroorganismen einmal sehen könne, mit deren Hilfe der britische Nahrungsmittelkonzern Ranks Hovis McDougall eßbares Protein herstellte, hatte er die Wissenschaftler gefragt, die ihn durch das Forschungslabor der Firma in High Wycombe führten. Da der Gast als künftiger Lizenznehmer des biologischen Verfahrens in Frage kam, wurde ihm der Wunsch gern erfüllt.

Doch kaum hatte der Klient in spe die Flasche mit den getrockneten Bakterien in Händen, zog er den Korken, hielt die Öffnung unter seine Nase und holte tief Luft. Sodann senneuzte er herzhaft in sein sauberes Taschentuch, grinste zufrieden und verabschiedete sich eilends von den verdatterten Forschern, die geklauten Mikroben in seiner Tasche.

Nicht nur der rotzige russische Bakteriendieb, über den die Financial Times neulich berichtete, ist derzeit hinter Mikroben her. In den Industrieländern hat ein Bio-Boom eingesetzt. Nach der ersten großen Zukunftstechnik, der Mikroelektronik, schickt sich nun eine zweite umfassende Innovation an, die industrielle Welt vor der Jahrtausendwende zu verändern: Biotechnologie.

Die neue Produktivkraft kommt aus den Labors der Molekularbiologen. Mit Nobelpreisen reichlich dafür belohnt, haben vor allem amerikanische Forscher in den siebziger Jahren herausgefunden, wie Erbmaterial zwischen Lebewesen zu übertragen ist. Durch genetische Manipulation können seither von Menschenhand Organismen mit nützlichen Eigenschaften versehen werden, die Wirtschaftlich verwertbare Stoffe liefern: Medikamente und Chemikalien, Brennstoffe, Nahrungsmittel und Metalle.

Daß Mikroben Brauchbares produzieren, ist nicht neu. Pilze sondern Penicillin ab und lassen Käse reifen, Bakterien fabrizieren Joghurt und Wein. Doch bisher mußten die nützlichen Organismen umständlich gesucht und gezüchtet werden. Nun schneidern sich die Gen-Ingenieure ihre Nützlinge selbst, nach Maß.