Von Esther Knorr-Anders

Zu Geld und Ehren gelangte Bürger bauen sich Traumhäuser. Architektonisch normierte Träume geraten in Vergessenheit; orgiastische Träume bleiben. So auch das Haus in München, Prinzregentenstraße 60. Zwei von Nadelbäumen tiefbeschattete Aufgänge führen zum Bronzeportal, in dessen Mitte ein Gorgonenhaupt die Lippen klaffen läßt. Das war der Briefkasten des „Malerfürsten“, Bildhauers und Architekten Franz von Stuck (1863-1928). Unwillkürlich blickt man zu den Tannen zurück. Sie rahmen Roß und Reiterin, die vergrößerte Nachbildung von Stucks „Amazone-Statuette“ ein. Goldhelm und Goldlocken schimmern. Den Speer schleudert sie den Besuchern entgegen. Erfolglos. Es strömt von allen Seiten.

Ich werde mit ins Vestibül gedrängt. Es ist in Dämmerlicht getaucht, wie die meisten Räume der Villa. Eine zweite Hadesgorgo starrt mich an. Unter dem Kinn ringeln sich verknotete Schlangenleiber. Zartbesaitete, und alle, die Schlangen partout nicht mögen, haben noch Gelegenheit, spornstreichs das Weite zu suchen. Stuck drückte sein Ringen um das „Geheimnis Weib und Mann“ mittels mythischer Gestalten und vorzugsweise monströser Schlangen aus.

Die Beherrscherin des Vestibüls, ein Wesen undeutbaren Alters mit feuerrotem Haar, verkauft unablässig Poster, Karten, Bücher, Kataloge. Ihr Schmuck klappert. Sie sitzt erhöht. Neigt sie den Kopf zurück, befindet er sich in etwa unter dem Haupt der Gorgo.

„Das kann ja heiter werden“, murmelt ein Besucher, der gerade über die Schwelle zu den Gesellschaftsräumen tritt. Er bleibt wie angewurzelt stehen. Wände und Nischen blenden durch Goldmosaik. Schwarzer Marmorkamin, Sockelverkleidungen aus rotem und geädertem grünem Marmor. Stühle und Sofas sind mit goldgelber Seide bespannt, mit Elfenbeineinlagen und Beschlägen aus vergoldeter Bronze bestückt. Die Möbel entwarf Stuck selbst; sie wurden auf der Pariser Weltausstellung Anno 1900 mit der Goldmedaille ausgezeichnet.

Schwindelfrei über das Parkett zu gehen, wird nur dem gelingen, der eine Tablette gegen Reisekrankheit geschluckt hat. Es ist ein Gewirr aus richtungslos versetzten schwarzen und braunen Quadraten und weißen Dreiecken. Es führt direkt in die „Sphärenharmonie“ des Musiksalons. Diese Harmonie ist lila. Der Deckenhimmel zeigt Gestirnstellungen und die Sternzeichen. Jungfrau und Schütze, Krebs und Fische ziehen ihre Bahn. Die Wandflächen sind in dunkle, goldgerahmte Felder aufgeteilt. Stuck versah sie mit der Wiedergabe seiner bekanntesten Gemälde. „Ringelreihen“, „Neckerei“. Die „Wippe“ darf nicht fehlen. Zwei weibliche Frohnaturen schaukeln, im Reitersitz, auf knorrigem Stamm. Die „Belauschung“ des auf hoher Klippe hockenden Flötenspielers findet durch eine rotringelbeinige Meerfrau statt, deren blankes Gesäß das Bild beherrscht. „Orpheus“, von gebändigten Bestien umgeben, spielt endlos die Leier. Endlos malte Franz Stuck die Sinnenlust des Menschen als ein von der Natur legitimiertes Chaos.

Geboren wurde er in Tettenweis/Niederbayern. Sein Vater war Müller. Durch zwei Eigenschaften fiel der Junge seiner Umwelt auf: durch den Zwang, keinen Fetzen Papier, keinen Bretterzaun unbemalt lassen zu können und durch sein „italienisches“ Aussehen. Die „krausen schwarzen Haare“, die „glutvollen Augen“ trugen zu der unausrottbaren Legende bei, daß in ferner Vorzeit, in der rätischen Provinz Roms, dort zwischen Isar und Donau, ein römischer Söldnerführer ein niederbayerisches Bauernmädchen vergewaltigt habe. Obwohl bajuwarische Gene für den rasantesten Lebenslauf ausreichen dürften, fiel „römischer Vorfahr“ doch unter „besondere Ausstattung“. So gesehen, versprach der fremdartige Junge etwas Apartes zu werden. Er wurde. Als Fünfzehnjähriger kam er nach München, besuchte unter anderem die „Akademie der bildenden Künste“. Er bestritt seinen Aufenthalt mit Zeichnungen, Vignetten, für die Festlichkeiten der Hautevolee. Er wurde Mitarbeiter der „Fliegenden Blätter“.

Ein Engel fördert die Karriere

1889 geschieht Sensationelles. Zur Münchner Jahresausstellung im Glaspalast reicht er ein Gemälde ein: „Der Wächter des Paradieses.“ (Heute hängt es auf weinroter Wand in der Villa.) „Phantastisch“, lautet die einhellige Meinung. Ein barfüßiger Engel, offensichtlich römischer Abstammung, droht mit dem lodernden Schwert. Vielleicht aus Schreck –, jedenfalls sprachen ihm die Juroren eine Goldmedaille und 60 000 Goldmark zu. Mit dieser Summe konnte man ein vierstöckiges Haus erwerben und unbesorgt sein Mittagsrot verzehren. Die märchenhafte Karriere des Sechsundzwanzigjährigen hub an. In den folgenden Jahren wurde er mit internationalen Ehrungen, Titeln, Orden überhäuft; 1906 geadelt. Nun war er Ritter von Stuck. Er durfte ein Wappen führen. Er wählte den Zentaur, halb Hengst, halb Mann. Er durfte überhaupt viel, dies Hätschelkind einer untergehenden Gesellschaft. Acht Jahre fehlten bis zum Ersten Weltkrieg ...

Stucks Monumentalgemälde „Der Krieg“ beherrscht das ehemalige Boudoir. Hermann Meissner schrieb hierzu 1899: „Nackte Männerleichen, wundervoll im Helldunkel gemalt, liegen Leib an Leib. Auf zottig-schwarzem Gaul, der mit dem Fuß nach Lücken zwischen den Leichen sucht, reitet der nackte Genius des Krieges (mit Lorbeerkranz) über das Feld.“ „Phantastisch“, flüstert mein Nachbar seiner Begleiterin zu.

Ein nächster Raum ist Frauenbildnissen gewidmet. Gleich neben dem Eingang äugt Stucks bildschöne, unehelich geborene Tochter „Mary im roten Stuhl“ den Betrachter an. Von dem Kind der Anna Maria Brandmeier mochte er sich nicht trennen. Der Prinzregent persönlich befürwortete die Adoption, die es ermöglichte, daß Mary im Hause ihres Vaters und dessen Frau, der Amerikanerin Mary Hoose, geschiedene Lindpaintner, aufwachsen durfte. Tochter Mary war es, die nach dem Tode des Ehepaares Stuck die Villa zu erhalten suchte, obwohl Paläste um 1929 kaum zu finanzieren waren. 1961 starb sie. Ihr Erbe verkaufte die Villa vier Jahre später an den Münchner Architekten Hans-Joachim Ziersch. Ihm, und den Mitgliedern des Stuck-Jugendstil-Vereins, verdankt die Stadt, daß ein Baujuwel bestehen blieb. Es war durchaus erwogen worden, das Gebäude abreißen zu lassen oder ein Postamt hereinzunehmen. Zu guter Letzt entschlossen sich Staat und Stadt, Beihilfen zur Restaurierung zu gewähren. 1967 ging die Villa durch Stiftung in das Eigentum des Vereins über.

Wir kennen der Menschen Intimträume nicht. Doch diesem Bild streben alle entgegen, als wäre es das geheime Ziel seit Betreten des Hauses gewesen. Es ist im Atelier Stucks zu finden, im weitflächigen Prunkraum im ersten Stock. Licht fällt durch die Balkontür herein, schmeichelt der pompösen Kassettendecke, dem Zentaurenfries, den wandbedeckenden Gobelins. Schmeichelt ihr, der „Sünde“.

Ein sogenannter „Künstleraltar“, mit perlmuttschimmernden Muscheln belegt, trägt das Gemälde. „Die Sünde“ fertigte er immer wieder, auf Bestellung, unter Berücksichtigung ihm zulässig dünkender Veränderungswünsche. Sie stehen davor. Stumm. Man könnte annehmen, sie seien hypnotisiert worden. „Ich weiß nicht; was hältst du davon?“ fragte eine Frau. „Ich bitte dich, nicht hier“, erwidert der Mann. „Schön, unwahrscheinlich schön“, befindet ein anderer.

Das schwarze Haar fällt über ihre linke Schulter, über Brust und Leib. Die gefleckte Riesenboa hängt vom Hals herunter, windet sich um den Sündenmittelpunkt. Der Schlangenkopf kommt auf der rechten Schulter zum Runen. Die Augen glimmen. Das Reptil spreizt die Zähne.

Als Lehrer geliebt und gefürchtet

Etwas zügig trete ich in die Ateliermitte. Auf fünf Staffeleien harren Stucks berühmteste Gemälde. Das „Inferno“ zeigt schmerzverkrampfte, in der Glut schmorende Männer. Auf einem Wandbild schleppt ein Faun eine Nixe huckepack dem nahen Strand zu. Sie umklammert dessen Hörner.

Dann schweift der Blick zum Gemälde des Ehepaares. Sie steht in schillernder Robe Modell; er, im Gehrock, seinem „Dienstanzug“, malt sie. Die Disziplin eines Dompteurs strahlt von ihm aus. Als Akademieprofessor, als Lehrer, wurde er geliebt und gefürchtet. „Sein Wesen war verschlossen; kein Lächeln, keine Teilnahme zeigte sich auf seinem schönen Gesicht. Niemals lud er Schüler zu sich ein, niemals hat er sich zu einem Fest eingefunden“ (Hans Purrmann). Aber: „Ein Wort von Ihrem göttlichen Wesen genügt, und meine Erstlinge werden angenommen“ (Egon Schiele). Wassily Kandinsky, Paul Klee, Ernst Stern, Alexander von Salzmann gehörten zu seinen Schülern. In die künstlerischen Ziele der Begabten griff Stuck nicht ein.

Ich verweile vor dem „Diner“, jenem Bild, mit dem er das Bankett anläßlich seines 50. Geburtstages festhielt. Im Kerzengeflirr sitzt ihm seine so oft gemalte Frau gegenüber, deren Schönheit den Verwöhntesten die Sprache verschlug. Später wird er auf den Balkon hinaustreten; die musische Jugend Münchens zieht im Fackelzug vorbei. Sie jubeln dem „Fürsten im Reiche der Kunst“ zu. Man schreibt das Jahr 1913. Noch eine kurze Zeitspanne, und es stürzten Throne, Herrscher und auch der letzte Malerfürst.

20 Studenten hielten Totenwache

Den Vertretern nachfolgender Stilrichtungen bedeutete Stuck ein „soziologisches Problem“, sein Werk wurde als „Ausdruck eines von der Gesellschaft Überwältigten“ angesehen. Hat Stuck es je verwunden? Am 30. 8. 1928 starb er an Herzversagen. Zwanzig Kunststudenten hielten die Totenwache. Eine unvorstellbare Menschenmenge, „seine Münchner“, gaben ihm die wahrhaft „letzte“ Ehre. Stucks Frau verschied ein Jahr danach – wie das bei großen Lieben vorkommen soll...

Weiter wandere ich durch die Räume. Judith tötet Holofernes; Susanna wird von den Greisen in der Badkammer belauscht; pikante Szenen mit Zentauren, Faunen, Nymphen. Syrinxblasender Pan, seit je Symbol sexueller Kraftmalerei. Wenn in diesem Hause zähnefletschende Mannsgestalten um die Ecke bögen, Reptilien die Treppe heraufkröchen, wen würde das noch entsetzen?

Ich gelange ins Skizzenzimmer. Ein Gast wendet sich von der Wand ab. Er verzieht das Gesicht, als schriee er im Flüsterton. Gleich darauf schüttelt es mich. Die Damen sind nicht zu übersehen: „Die Sinnlichkeit“ und „Das Laster“. Ersterer windet sich die Schlange zwischen den Schenkeln hindurch über den vorgewölbten Bauch; die sich auf dem Teppich rekelnde Lasterhaftigkeit wird von Kopf bis Fuß umzingelt. Aal in Dill werde ich nicht mehr essen können ...

Viele Stunden sind verstrichen. Ununterbrochen drängen Schaulustige herein. Kaufen Poster, Karten. Sicher darf man sagen, daß Stuck von der Gesellschaft überwältigt worden war. Ebenso sicher ist, daß er seinerseits die Zeitgenossen überwältigte. Inwieweit nur die von damals –, wer will sich dafür verbürgen?

Damals jedenfalls beendete einer, der sich schlicht „WauWau“ nannte, sein Spottgedicht in der „Muskete“ mit der seelenkundlich interessanten Zeile: „... als wär’s ein Stuck von mir.“

Öffnungszeiten der Villa von 10 bis „17 Uhr, außer Montag. Eintritt: drei Mark.