Bravourös gestrichelt von Grandville tauchen sie in dessen exquisiten „hommes-bêtes-Karikaturen auf, drollig komisch bewundert man sie bei Beatrix Potter, mit Feuerwehrhelm aus einem Tipsy-Cola-Deckel bewaffnet sie Maurice Sendak. Janosch steckt sie in rote Strümpfe, Lobel in den Suppentopf, Carroll in die Teekanne. In rosa Fräcklein gezwungen oder graphisch streng abstrahiert wie bei Lionni: Sie haben viel durchgemacht – die langgeschwänzten grauen Nager. (Leicht ließe sich eine Dissertation über die Entwicklung des Kinderbuchs, dargestellt am Beispiel der darin vorkommenden Mäuse, vorstellen.)

Keine Generation wird der Mäuse überdrüssig, fast ausnahmslos liefert jede eine neue Maus-Typologie. Die Maus der achtziger Jahre (ohne die Verdienste der Alt-Mäuse schmälern zu wollen) heißt Philipp.

Hanne Türk, eine österreichische Illustratorin, hat Philipp erfunden. Auf Kostümierung und menschliche Attribute verzichtet sie, jedenfalls äußerlich: Philipp ist griesegrau, hat elefantisch große Ohren, hoppelhasige Haxen, einen kompakter, rundlichen Rumpf und eine Schnauze, die eher dem Hippopotamus anstehen würde. Trotzdem – und das ist sehr verblüffend - wirkt – Philipp sehr mausartig. Philipp (der in Amerika als Max auftritt) ist eine Aquarell-Maus. Wenn man’versucht, hinter das Geheimnis der ganz realistisch anmutenden Darstellung zu kommen, könnte man meinen, sie sei „einfach“. Denn Hanne Türk reduziert die Pinselstriche artistisch auf sparsame Flecken. Menschlich sind an Philipp nicht Maske, sondern die Probleme. (Die langweilige und verbissene Debatte um Sinn oder Unsinn anthropomorpher Tierdarstellung, von Puristen immer wieder als anstößig denunziert, will ich nicht aufwärmen.)

Hanne Türk beschreibt Philipps Alltags-Probleme rund um die Tücke verschiedener Objekte mit sehr viel Witz, Charme, Komik und Sinn fürs Groteske. Philipp schlägt sich mit einem vertrackten Zauberwürfel herum, mit einem Springseil, mit Regenschirm und Geschenkpaket. Menschliche Laster und Lieben werden paraphrasiert: Philipps Erfahrungen mit Nikotin und schönen Künsten. Als Galerie-Besucher eilt er ratlos von Exponat zu Exponat, vorbei an Op und Pop, Tachismus und Snaped Canvas. „konkrete“ Kunst ist für den reizenden Banausen ein naturalistisch gemaltes Stilleben mit herrlichen Bergen voller Käse und Würsten. Das kauft er sich, setzt sich in einen kornblumenblauen Ohrensessel und glotzt vernarrt darauf. Auch schön, wenn er sich großspurig, mit weltmännischer Geste den ersten Glimmstengel anzündet, genießerisch und selbstverliebt in den Spiegel starrt, dann aber zusehends aschgrau wird, hundeelend aussieht, sich aufs Mäuseklo schleppt, erst nach einem endlos langen Gesundheitsschlaf wieder auf die Mäusebeine kommt und hintereinander einen Berg Karotten verzehrt.

Hanne Türk verzettelt sich nicht mit dem Abschildern von Schauplätzen, sie kommt zur Sache, setzt sicher und einfach Pinselstriche, die es in sich haben. Statt Albernheiten subtiler Humor, die kleinen Episoden sind textlos, Blatt für Blatt mit frecher Leichtigkeit gepinselt. Trickfilm-Macher sollten sich schnell um dieses Talent bemühen, denn in den hübschen Sequenzen steckt Bewegung; Eigentlich sind es getanzte und gehüpfte Bilder.

Hanne Türk: „Ein Geschenk für Philipp“, „Philipp gegen den Würfel“, „Philipp und die Springschnur“, „Philipp in Versuchung“, „Philipp gegen Wind und Wetter“, „Philipp und die Kunst“; Verlag Neugebauer Press, Salzburg; pro Band 26 S., 7,50 DM. U. B.

Reisende soll man nicht aufhalten, sagt ein Sprichwort. Denn der Reisende unterscheidet sich grundsätzlich vom Urlauber, dessen Aufenthalt im weltweit uniformen Luxushotel mindestens eben den Komfort verspricht, den die eigenen vier Wände ohnehin im Alltag bieten. Im Gegensatz zum Urlauber ist der Reisende ein Idealist und somit gegen die Glanzpapier-Prospekte der Touristik-Industrie von vornherein immun. Seine Neugier gilt nicht Swimming-pool und Tennisplätzen, sondern einem Ziel, das vor allem eins zu sein hat; unerreichbar.