Das Vorbild kann sich sehen lassen. Wenn Jane Fonda Aerobics vorturnt - die Videos in den Warenhäusern zeigen das ohne Pause , fügt ihre Bewegung sich perfekt dem DiscoRhythmus der Musik. Hauteng und tief ausgeschnitten harmoniert auch der Gymnastikdrefi. In Lilatönen quergestreift, mit framboisefarbenen Strümpfen und dem Aubergine Ton der legwarDas Gefolge fällt da optisch etwas ab. Die weitaus meisten der gut hundert Damen, die nach Feierabend in der Sporthalle eines Hamburger Turnvereins zum Aerobic Kurs für Anfänger angetreten sind, erinnern an Jane Fonda nur wenig mehr als beispielsweise der Wirt vom Blauen Bock an Rudolf Nurejew. Nicht nur, daß es mit Figur und Fitness hapert - auch modisch will man sich dem Diktat der Designer so recht nicht fügen. Statt im knappen Ballettanzug tanzen mollige Mütter und schlaksige Teenies in Shorts und TShirts, wollene Beinlinge hält die Mehrheit der Sportsfreundinnen für entbehrlich - noch.

Denn in der Spanne zwischen Video und Wirklichkeit blüht das Geschäft. Aerobic, der neue Gymnastikrausch, dem binnen weniger Wochen Hunderttausende deutscher Frauen verfallen sind, ist im wesentlichen dies: eine gigantische Konsumbewegung, clever ausgelöst und ohne Beispiel. Während die Volkswirtschaft darniederiiegt, weil alle Märkte satt sind, ist in der Freizeitindustrie über Nacht ein neuer Boom ausgebrochen. Die weibliche Aerobic Kompanie im Turnverein, mit den Accessoires der neuen Welle erst spärlich ausgestattet, ist ein tolles Käuferpotential. Der Wunsch, wie Jane Fonda zu werden, wird irgendwann die meisten der Damen das Scheckbuch ziehen lassen: dreißig bis hundert Mark für einen neuen Gymnastikanzug, bis zu hundert Mark für Ballettschuhe und zwanzig Mark für legwarmers. Weitere Ausgabenposten können ein Schweißband aus Frottier, eine farbige Strumpfhose, ein Sweatshirt oder ein Trainingsanzug sein.

Auf die Zahlkraft der FondaGefolgschaft zählen alle, die solche Sachen produzieren oder damit handeln. Ein bewegtes Geschäft erhoffen sich Fitness Centers, Tanzstudios und Turnvereine, die Aerobic Stunden bieten. Bauhandwerker freuen sich über Aufträge für neue Gymnastikstudios. Hotels laden zu Aerobic Wochenenden ein. Buchverlage, Schallplattenproduzenten und die Video Branche werfen stik auf den Markt.

So viele werden sich an der epidemischen Sucht nach Schönheit und Gesundheit sanieren, daß niemand errechnen kann, wie groß der ganze Umsatzsegen sein mag. Norbert Kux, Geschäftsführer im Berliner Aerobic Tempel Lets move: "Keiner hat da mehr die Übersicht "

Klar zu erkennen ist lediglich, wer die Welle in der Bundesrepublik ausgelöst hat: die amerikanische Filmschauspielerin Sydne Rome. Zusammen mit Kux und dem Tänzer Jean Pierre Liegeois hat sie im letzten September in einem Hinterhof in Berlin das Lets move aufgemacht, ein Aerobic Studio, das monatlich schon 4500 Klientinnen hat.

Der Star importierte damit ein Geschäft in die Bundesrepublik, das in den USA seit Jahren blüht. Dort turnt vor allem Jane Fonda nicht weniger als 30 Millionen Aerobic Besessenen vor. Ein Jahresverdienst von fünf Millionen Dollar tröstet die Aktrice darüber hinweg, daß sie für ihr PR wirksames Engagement für Indianer, Frauen und Umwelt zuletzt eher wenig Zeit erübrigen konnte.

Die deutschen Frauen hat Sydne Rome mit Hilfe der Medien angeturnt. Als ZDF SportstudioRegisseur Klaus Bokelberg im vergangenen Herbst für eine Sendung über Frauen Body Building und Gymnastik eine attraktive Vorturnerin suchte, war Sydne Rome zwar grundsätzlich willig. Lieber, so ließ sie die Fernsehnerren aber wissen, sei ihr eine reine Aerobic Sendung. So geschahs. Das ZDFSportstudio vom 11. Dezember wurde die beste Werbung, die die Aerobierin sich wünschen konnte.