Von Sigrid Löffler

Wahlen stehen vor der Tür – in Österreich und in Wien. Wo man hinschaut, ist alles prekär: die Wahlchancen der Parteien, die Gesundheit Kreiskys, die Lager der verstaatlichten Industrie, die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die Position des Operndirektors, die Finanzierung des Wiener Konferenzzentrums. Alles höchst heikel. Alles brandaktuell. Alles schlagzeilenträchtig.

Alles wurde aber mit einem Schlage uninteressant. Mag der Wahlkampf heißlaufen, mag um die Grünen gerangelt werden, oder um die Arbeitszeitverkürzung, oder um die neuen Steuern: Wenn Österreichs letzte Kaiserin ihr Schweigen bricht, verstummt der gemeine Tageslärm und im Österreicher erwacht der alte Untertan, der der Hofberichterstattung entgegengiert.

Je brenzliger die Gegenwart, je unsicherer die Zukunft, desto ablenkender die Vergangenheit. Ein Stückchen habsburgische Hausvergangenheit, vergegenwärtigt von Ex-Kaiserin Zita, reichte aus, um unser aller Zukunft aus den Schlagzeilen zu verdrängen.

„Zita: Mayerling war Mord! Zita nennt jetzt sechs Zeugen für den Mayerling-Mord! Zita: Die Spur der Mayerling-Mörder führt ins Ausland!“ Mit solchen Schlagzeilen spekuliert die Neue Kronen Zeitung, Österreichs meistgekauftes Boulevardblatt, auf die ungebrochene Mayerling-Sensationsgier. Sie spekulierte richtig.

Kein Knüller knüllt knalliger als ein Kaiser-Knüller, was sind die Enthüllungen über die Wiener Korruptionsaffären – verglichen mit den Enthüllungen über den Kronprinzen Rudolf. Was ist Kreiskys Dialyse – verfließen mit Zitas Hypothese. Was sind die Geheimnisse des Konjunkturaufschwungs – verglichen mit den „Geheimnissen der Monarchie“. Wenn höchstdieselben auch noch von „Österreichs letzter Kaiserin“ höchsteigenhändig gelüftet werden. Mit nichts als einem bißchen gebrochenes Schweigen schaffte die alte Dame die Titelseiten der Weltpresse.

Dabei sind die Fakten, von der Kronen Zeitung mühsam auf die Länge einer zehnseitigen Fortsetzungsserie ausgewalzt, dürftig genug.