Demnach hat die 91jährige Witwe Karls, des letzten österreichischen Kaisers, in ihrem Wohnsitz, dem St. Johannes-Stift in Zizers im schweizerischen Rheintal, der Zeitung gegenüber behauptet, im Jagdschloß zu Mayerling habe sich am 30. Januar 1889 alles ganz anders abgespielt. Keineswegs habe dort Kronprinz Rudolf, der einzige Sohn von Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth Doppelselbstmord begangen, indem er (mit ihrem Einverständnis) erst seine Geliebte, die siebzehnjährige Baronesse Mary Vetsera, und dann sich selber erschoß. Er sei vielmehr ermordet worden, das „Opfer eines politisch motivierten Moidanschlags“.

Ermordet von wem? Von Verschwörern, erklärt Zita. Sie hätten Rudolf umgebracht, weil er sich an einer Verschwörung zum Sturz Franz Josephs nicht beteiligen wollte. Die eine Verschwörung habe er aufdecken wollen, weshalb ihn die andere Verschwörung zum Schweigen gebracht habe. Der Kronprinz zwischen Konspiration und Konter-Konspiration also, die Mörder seien aus dem Ausland gekommen, sagt Zita, zwei könne sie namentlich nennen.

Und wie steht’s mit Zeugen und Beweisen Damit könne sie aufwarten, meint die betagte Mutter des CSU-Europaparlamentariers Otto von Habsburg. Schon als Zwölfjährige – das muß also im Jahre 1904 gewesen sein – habe sie von der Tante Marie-Jose gehört, daß Rudolfs Schwester Gisela nicht an den Selbstmord glaube. Der Kaiser selbst wußte vom Mord und schwieg aus Staatsraison, sagte die Tante Marie-Jose, sagt Zita. Rudolf hat seine Komplott-Aufdeckungspläne dem Onkel Karl-Ludwig anvertraut, sagte die Erzherzogin Maria Theresia, sagt Zita. Auch Rudolfs Schwester Valerie hat die Mordversion bestätigt, sagt Zita, desgleichen ihr eigener Mann, Kaiser Karl, sagt Zita. Macht zusammen sechs Zeugen – wenn man unter „Zeugen“ Leute verstehen, will, die sich gegenseitig im Ableugnen eines Tatbestandes bestärken, den sie nur vom Weghören kennen.

Schriftliche Beweisstücke gibt’s allerdings auch, sagt Zita, denn was die Tanten im Hause Habsburg damals vor den Ohren der Zwölfjährigen untereinander tratschten – Zita hat sich’s erst genau gemerkt und dann genau notiert. – „Bitte, das ist authentisch, das haben mir selbige Wort für Wort so gesagt“, beteuert die alte Dame heute. „Ich habe alles, was mir unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit mitgeteilt wurde, genau aufgezeichnet – ich werde diese Unterlagen zu gegebener Zeit veröffentlichen.“ Neue Dokumente über Mayerling sind also zu erwarten – wenn man den Sekundär-Tratsch der habsburgischen Tanten als „Dokument“ gelten lassen will.

Wer dazu nicht gewillt ist, muß feststellen: nichts Neues aus Mayerling. Denn, so die Kronprinz-Rudolf-Biographin Brigitte Hamann – eine der wenigen ernsthaften Historikerinnen, die sich mit Mayerling überhaupt befassen –, „was hier wieder aufgewärmt wird, ist eigentlich der Gerüchtestand aus dem Frühjahr 1889. Der Selbstmord des Kronprinzen wurde zwar schon am 1. Februar offiziell bestätigt, aber der super-klerikale Zweig der Familie wollte die Schmach eines Selbstmords nie akzeptieren. Seit hundert Jahren werden immergleiche Verschwörungs- und Mordgerüchte kolportiert, ohne den Schatten eines Beweises. Die Juden waren’s, die Freimaurer, die Jesuiten, die Liberalen, die Rudolf haben umbringen lassen. Oder ein eifersüchtiger Förster, oder Franz Josef selber, oder Bismarck. Diesmal scheint ja wohl Bismarck wieder an der Reihe zu sein.“

In der Tat finden Historiker am sogenannten „Rätsel von Mayerling“ heute höchstens die Motive noch rätsei- oder wenigstens berätselnswert. Daran, daß der Kronprinz sich und die Vetsera erschoß, gibt es für sie keinen Zweifel. Schon die zahlreichen Abschiedsbriefe des Paares bestätigen den Doppelselbstmord. Außerdem hat Rudolf erwiesenermaßen vorher eine andere Geliebte, Mizzi Caspar, zu überreden versucht, mit ihm zu sterben.

Über das Warum darf angesichts der dürftigen Quellenlage – die meisten Polizeiprotokolle, Zeugenaussagen sowie Rudolfs Briefe sind und blieben verschwunden – spekuliert werden. Brigitte Hamann nennt in ihrer Biographie Rudolf einen Mann, der mit dreißig körperlich und seelisch am Ende war – politisch gescheitert, unheilbar geschlechtskrank, vom Alkohol und wahrscheinlich auch vom Morphium zerstört. Als mögliche tatauslösende Motive führt sie die Krankheit an, die verweigerte Scheidungserlaubnis, die Zerwürfnisse mit dem Vater, die Verzweiflung über Österreichs Deutschland-Politik sowie Rudolfs Depressionen über die eigene Machtlosigkeit angesichts eines starr immer weiter vor sich hinregierenden Vaters.