Von Manfred Gaebler

Die Idee, nach Korsika zu paddeln, war zum erstenmal vor mehr als zehn Jahren aufgetaucht. An langen Winterabenden hatten wir einschlägige Kanu-Literatur studiert, aus der hervorging, daß bei entsprechender Vorbereitung kleinere Überfahrten auf dem offenen Meer durchaus möglich sind. Der theoretischen Lernphase waren praktische Übungen auf heimischen Gewässern gefolgt, und einige Wochen später konnte ich, der Paddelnovize, an der italienischen Küste mein Faltboot aufbauen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten erreichte ich auch die Insel Elba, um dort – angesichts der unübersehbaren Wasserfläche und eines kräftigen Gegenwindes – für die Weiterfahrt in die Fähre nach Korsika umzusteigen.

Jetzt drängte die unerledigte Handlung nach Vollendung. elf Jahre nach dem ersten Versuch rollte ich – alle Warnungen in den Wind schlagend – die Bootskarre wieder zum Strand hinunter, dieses Mal in Piombino, direkt gegenüber von Elba. Die Insel liegt zehn Kilometer vom Festland entfernt und ist in knapp zwei Stunden zu erreichen. Die größte Gefahr unterwegs rührt nicht so sehr von Wind, Wellen und Strömungen her, sondern vom Schiffsverkehr. Vor allem die Hauptfährrouten muß man nach Möglichkeit meiden, In Elba ging ich nicht gleich an Land, sondern bog vor der Küste nach Süden ab. Im Hafen von Porto Azzurro, einem als malerisch gerühmten Fischerort mit noch heute sichtbaren Einflüssen früherer spanischer Herrschaft, war ich mit Freunden verabredet, die auf einem der zahlreichen Campingplätze der Insel ihren Urlaub verbrachten.

Elba ist die bei weitem größte und auch bedeutendste Insel des Toskanischen Archipels inmitten des Tyrrhenischen Meeres. Sie ist landschaftlich äußerst vielfältig: Sandstrände wechseln mit schroffen Felsküsten, in Tälern gelegene Obstplantagen grenzen an steil aufragende Berge, belebte Badeorte am Meer liegen nicht weit entfernt von ruhigen Bergdörfern. Attraktiv für Besucher ist Elba auch wegen der guten Möglichkeiten zum Segeln, Surfen, Tauchen und Wasserskifahren; für Lernbegierige stehen entsprechende "Schulen" zur Verfügung. Seine geschichtliche Bedeutung verdankt Elba in erster Linie dem Reichtum an Erzvorkommen. Bereits in voretruskischer Zeit wurde Kupfer abgebaut und zu Bronze verarbeitet. Im Verlauf der Eisenzeit machten die Etrusker die Insel zu ihrer "Waffenschmiede". Mittlerweile sind die Lagerstätten ausgebeutet, aber interessante Mineralien und Gesteine kann man auch heute noch finden. Am bekanntesten wurde Elba als Verbannungsort Napoleons, der sich hier zwar nur zehn Monate lang aufhielt, aber als souveräner Herrscher mit der ihm eigenen Tatkraft wirtschaftliche Veränderungen in Gang zu setzen versuchte und bei seinem Wirken Spuren hinterließ, die vor allem die Gegend um den Hauptort Portoferraio noch heute prägen.

Für einige Tage blieb ich nun bei den Freunden, Wir machten mit dem Zweierfaltboot einige Touren, erstiegen dann im hochgebirgsartigen Westteil Elbas den Monte Capanne, mit 1019 Metern die höchste Erhebung der Insel, schnorchelten an einer der Felsküsten und faulenzten am Sandstrand, bis der Wind umschlug und günstig stand für mein Vorhaben.

Die Nacht am Cap Sant’ Andrea verbrachte ich unruhiger als gewohnt: Der Gedanke, daß diese Nacht möglicherweise meine letzte überhaupt seit könnte, ließ sich nicht verdrängen. Ein sternklarer Himmel und ein Sonnenaufgang mit wenig Verfärbung versprachen jedoch stabiles Wetter; die Hoffnung auf den hilfreichen Schirokko trug schließlich bei zur Beruhigung und zum Schlaf bis in den Vormittag hinein. Entsprechend spät erfolgte die Abfahrt.

Es war ein wenig dunstig, so daß die Insel Capraia, meine Zwiscnenstation, nicht zu sehen war und ich meine Navigationskünste erproben mußte. Der Kurs von 323 Grad war schon im voraus an Hand einer Seekarte bestimmt, so konnte ich mich auf die Kompaßkontrolle beschränken. Da es windstill war, bestand nicht die Gefahr einer Abdrift. Aber selbst bei einer erheblichen Kursabweichung konnte ich Capraia kaum verfehlen, da die Insel spätestens nach etwa drei Stunden Fahrt zu sehen sein müßte; Ich war jetzt sehr zuversichtlich und freute mich darüber, daß die Überfahrt mit Hilfe des Kompasses eine "richtige" Seefahrt wurde.