Von Dietrich Schwarzkopf

Verwunderlich wäre es nicht, wenn am 50.Jahrestag von Hitlers Machtergreifung dieBehauptung aufgestellt worden wäre: Nun hätten die Deutschen aber lange genug ihre Vergangenheit bewältigt; nun endlich müsse damit Schluß sein. Der Beifall wäre wahrscheinlich gering, die verkaufte Auflage wohl groß.

Statt dessen kommt ein Buch mit der These daher, die Bewältigung finde auf falschem Wege statt und sei deshalb zur Abwendung neuer Gefahren untauglich – die Bewältiger seien nicht viel besser als die Bewältigten:

Arno Plack: „Wie oft wird Hitler noch besiegt?“ Erb Verlag, Düsseldorf 1982, 400 S., 34,– DM.

Der Titel klingt, als sei Hitler ein Stehaufmännchen oder eine Hydra. Dabei ist das zentrale Thema des Buches gar nicht Hitler, soviel auch von ihm die Rede sein mag, sondern unsere Moral. Die nämlich, leib- und lustfeindlich und deshalb in letzter Konsequenz aufs Töten angelegt, sei am Aufstieg Hitlers und schließlich auch daran schuld, daß die Deutschen ihm gefolgt seien. Hitler, so geht das weiter, war sexuell frustriert, von einem Vernichtunswillen beseelt, vom Waschzwang besessen, ein „rasend gewordener Saubermann ‚ der sich aus frühen Versagungen und Demütigungen herleitete.

Die Frage, ob Hitler die Deutschen verführt habe oder ob diese sich leichtfertig von ihm verführen ließen, erledigt sich damit von selber. Denn davon ist Plack überzeugt, es ist eine einfache psychologische Gleichung, daß zu irgend etwas verführt nur werden kann, wer schon etwas mitbringt, woran Verführung ansetzen kann. Und die Deutschen brachten als Hochzeitsgeschenk für ihre Vereinigung mit Hitler mit, daß sie ein „sittlich verquältes, leibhaft frustriertes Volk“ waren. Die Schuld der Deutschen? Plack salviert uns so: Nur ein umgedrehter Rassismus, eine antifaschistische Sippenhaftung könnte uns zu Schuldigen stempeln. Die „triebstrukturellen und sittlichen Grundlagen jenes Geschehens“ sind eben „noch gar nicht begriffen“.

Aus Placks Sicht ist es auch sinnlos, darüber zu diskutieren, ob die jungen deutschen Revoluzzer und Terroristen „Hitlers Kinder“ sind, wie die englische Autorin Jillian Becker meint, oder Kinder einer falsch verstandenen Freiheit. „In jedem Falle sind sie Kinder unserer Kultur, einer Kultur der Triebunterdrückung und der „harten Hand‘ gegenüber Kindern“. Und da in den Familien des gehobenen Mittelstandes, aus denen die meisten Terroristen kommen, vor allem die Mädchen „sittlich überwacht“ werden, sind die deutschen Terroristinnen besonders brutal und kampfentschlossen.