Auch Pasolinis Christus in „Das Erste Evangelium – Matthäus“ war kein Superstar. So ein Gespenst aber war er nicht. Der Kopf dieses Christus ist kahl, als wäre er ein Hare-Krishna-Mönch. Ein Stirnband mit Nägeln ist seine Dornenkrone, an der lange, weiße Haarzotteln kleben: Sir Bleichenwang in Oberammergau.

Am Tag, als der Papst in Rom das Heilige Jahr verkündete, kam „Das Gespenst“ in München, Stuttgart, Frankfurt und Berlin in die Kinos: erster Großstart eines Achternbusch-Films. Nach in der Anfangsszene hängt der bleiche Herrgott in einem Kloster am Kreuz. Dann ist er plötzlich verschwunden. Ostern?

Der Nagel knirscht im Holz, als der Gekreuzigte die rechte Hand bewegt, um sich die Nase zuzuhalten weil der Schwester Oberin ein Apfel nicht bekommen ist. Der 42. Christus des Klosters steigt daraufhin vom Kreuz und humpelt durch Bayern: ein Statist hat seinen Arbeitsplatz verlassen. Und wieder hat der ganze Ärger mit einem Apfel begonnen.

Schon einmal sah Achternbusch wie der Heiland aus. Das war, als er in seinem ersten Film „Das Andechser Gefühl“ in einer malerischen Pose starb. In seinem neuen Film spielt er den Heiland als einen Verlierer, der als Ober pbben muß. Obwohl ihm von den vielen hundert Jahren am Kreuz die Arme steif geworden sind und im rechten Winkel vom Körper abstehen, hört er auf den Rat der Oberin: „Als Pfarrer solltest du dich nicht hergeben. Wenn schon, dann als Ober, weil dir das besser liegt, nachdem du schon Berge von deinem Leib und Seen von deinem Blut zur Speise und zum Trank gegeben hast.“ Der 42. Christus wäre nicht nur beim Abendmahl der Bettler und Krüppel in Buñuels „Viridiana“ willkommen: dieser Märtyrer ist auch noch ein Komödiant. Bald 2000 heillose Jahre Christenheit bedeuten ihm den Sturz vom Helden zum Clown. Im „Gespenst“ nimmt er, uns zur Schande, diese Clownsrolle an. Im Filmdienst der Kirche müßte es heißen: Wer diesen Film blasphemisch findet, lästert Gott.

Der Himmel wird dunkel wie über Golgatha an jenem Freitag um zwölf, als im Tempel der Vorhang riß. Es donnert und blitzt über Bayern. Am Rand eines Tümpels sind drei Frösche gekreuzigt, am Arm der Oberin windet sich eine Schlange. „Was war deine dritte Bitte?“ fragt die Oberin. Und der Ober antwortet: „Meine dritte Bitte war die um Erlösung.“ Dann bückt er sich, löst die drei Frösche von ihren Kreuzen: „Dieses Kreuz ist keine Sicherheit. Dieses Kreuz ist eine Frage.“

Dieser Jesus hat unseren Kinderglauben verloren und ist ein Intellektueller geworden. Beim Picknick mit der Oberin, als er eine Flasche Rotwein trinkt, hat er völlig übersehen, daß dieser Wein sein Blut sein könnte. Gottes Sohn hat das Neue Testament vergessen. Es führt ein neuer Weg zur Erlösung.

Das neue Zauberwort heißt Annamirl alias Susn alias Oberin, gespielt von der unvergleichlichen Annamirl Bierbichler. Sie hält diese ganze Passionsgeschichte für. typischen Männerkram: „Sich ans Kreuz nageln zu lassen und der Welt was hermachen.“ Nicht aus dem Leid, aus der Liebe kommt für sie die Erlösung. Annamirl steht mit ihrem Picknickkorb auf einem Hügel und spricht ihr letztes Gebet: „Hinweg über die Scheiße, hinweg über die Leere, hinweg über die Schwere, hinweg über die Atombomben, hinweg über die Zahnplomben. hinweg über den Tod.“ Dann steigt sie als Raubvogel in die Lüfte auf, die Blindschleiche, in die sich der 42. Christus verwandelt hat, in ihren Krallen. Die Erlösung kommt, was der Kirche noch immer wenig gefallen wird, von einer Frau. Lange verfolgt die Kamera den Vogel bei seinen Schwüngen durch die Lüfte. Ziehharmonikamusik begleitet seinen Aufstieg: Es ist Himmelfahrt, und Christus ist eine Frau.

„Das Gespenst“ ist im Rhythmus einer Wallfahrt gedreht: von einer Kreuzwegstation zur nächsten, von einem Akt zum anderen, ist der Film ein nie gesehenes Passionsspiel. Meistens bleibt die Kamera lange Zeit stehen. Am längsten vor Poli und Zisti, zwei versoffenen Vertretern der verhaßten Polizei, wie sie in keinem Achternbusch-Film fehlen darf.

Die beiden Polizisten haben den 42. Christus im Kloster vermißt und glauben an einen Kunstraub. Unaufhörlich tönt die Polizeisirene. An dem Mauerloch des zu einer Bar umgebauten Kirchenschiffs, wo die Polizisten sich betrinken, klebt stundenlang der Ober. Was er sieht, sagt er keinem. Seine kommentarlose Mauerschau führt diesen Akt der Kreuzwegstation ins absurde Theater. Seinem Aussehen nach ist dieser Christus ohnehin schon ein Verwandter von Becketts Figuren. Obwohl selbst ein Gott, wartet auch er auf Godot. Jahre nach der Erfindung von Becketts Rätsel ist es nun gelöst: Godot ist Annamiet Bierbifchler. Dazu spricht Herbert Achternbusch auf der Schlußtafel des Films sein „Amen“. Nach ihrer großartigen Leistung sind Herbert Achternbusch und Annamirl Bierbichler schon jetzt zwei Schauspieler des Jahres.

Helmut Schödel