Brunskappel

Allein der Gedanke an die Heimat habe ihn damals, als er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft war, nicht verzagen lassen, erzählt Engelbert Körner, Sägewerksbesitzer. „Ich habe nur überlebt, weil ich mir sagte: Du mußt wieder nach Hause.“ Heute muß Engelbert Körner fürchten, seine Heimat zu verlieren. Das Dorf Brunskappel im Hochsauerland, in dem er lebt und wo er aufgewachsen ist, soll in einem Stausee für immer versinken.

Der Ruhrtalsperrenverein (RTV) in Essen, zuständig für die Wasserversorgung des Ruhrgebiets, möchte die Neger, einen Nebenfluß der Ruhr, in Brunskappel aufstauen. 45 Millionen Kubikmeter Wasser soll die mehrere Kilometer lange Talsperre fassen, mindestens 500 Millionen Mark wird sie verschlingen.

Geht es nach dem Willen des RTV, sollen eine noch intakte Dorfidylle und 1030 Jahre Heimatgeschichte zunichte gemacht werden – die im Jahre 953 von Otto I. gegründete Kirche, das Jagdschloß Schäfer-Wildenburg und die über 200 Jahre alten Fachwerkhäuser. Die 420 Einwohner von Brunskappel sollen umgesiedelt werden. Auf dem Hügel „Am Bornstein“, zwischen Brunskappel und dem Nachbardorf Wiemeringhausen und am Ostufer des künftigen Sees gelegen, soll eine neue Siedlung entstehen.

„Die können uns doch nicht einfach wie Schachbrettfiguren von A nach B schieben“, empört sich ein Einwohner. Seit das Projekt 1974 bekannt wurde, laufen die Brunskappeler Sturm dagegen. Eine Bürgerinitiative hat inzwischen über 700 Mitglieder, auch Nicht-Brunskappeler. „Talsperrenbau im Negertal: Verbrechen an Kultur und Heimat“ – so und ähnlich lauten zahlreiche Transparente, die an Häusern und Laternenmasten hängen.

Nach Ansicht des RTV ist die Negertalsperre zur Aufrechterhaltung der Wasserversorgung unausweichlich: Bis 1995 werde der industrielle Wasserbedarf „um mindestens 6,5 Prozent, möglicherweise um 20 Prozent steigen“, wenn es gelinge, „für die Region des Ruhrgebiets zu einer Vollbeschäftigung zurückzukehren“.

Ernst-Georg Schäfer-Wildenberg, Vorsitzender der Bürgerinitiative und Finanzmakler von Beruf, nennt das „Humbug“. Es sei völlig unrealistisch, für 1995 ausgerechnet im Ruhrgebiet, das sich in einer tiefgreifenden Strukturkrise befinde, Vollbeschäftigung zu prognostizieren. Außerdem: „Als im Ruhrgebiet Vollbeschäftigung herrschte, stand ja auch kein Rad wegen Wassermangels still.“

Peter Rissler, Leiter der RTV-Entwurfsabteilung, meint dagegen: „Wir dürfen uns nicht von kurzfristigen Erscheinungsformen blenden lassen.“ Überdies werde bis 1995 auch der Wasserbedarf der privaten Haushalte ansteigen – „um mindestens 16 Prozent, möglicherweise sogar um 23 Prozent.“ Schäfer-Wildenberg: „Wahrscheinlich steht dem Ruhrgebiet eine Wascheuphorie bevor.“

Der Schloßherr argwöhnt, daß mit der Talsperre hauptsächlich das verschmutzte Wasser der Ruhr verdünnt werden soll. Der Verdacht dränge sich ihm auf, da die Geschäftsführung des RTV identisch sei mit der Geschäftsführung des Ruhrverbands, der für die Wasserentsorgung zuständig ist. „Es ist doch einfacher“, so Schäfer-Wildenberg, „der RTV verdünnt die Ruhr, als wenn der Ruhrverband der Öffentlichkeit erklären muß: Wir haben zu wenig Kläranlagen gebaut.“ Der RTV räumt ein, daß es „durch die Schaffung zusätzlicher Reserven sauberen Wassers“ auch möglich sein werde, „die Qualität des Ruhrwassers im erforderlichen Ausmaß zu verbessern.“

Doch selbst wenn man die Bedarfsprognosen des RTV akzeptiere, meint die Bürgerinitiative, gebe es noch Standortalternativen. Sie verweist auf ein Gutachten des ehemaligen Leiters des Geologischen Landesamts von Nordrhein-Westfalen, Professor Karrenberg, das die Stadt Olsberg, zu der Brunskappel gehört, in Auftrag gab. Der Wissenschaftler kam darin zu der Ansicht, daß auch im benachbarten Elpetal ein Stausee möglich sei. Entscheidender Vorteil: Das Elpetal ist unbesiedelt.

Doch zwei Gegengutachten, die der amtierende Regierungspräsident Richard Grünschläger bei der Technischen Hochschule Aachen bestellte, verwarfen diese Möglichkeit: Die vom Erz-Bergbau hinterlassenen Hohlräume seien so beschaffen, daß sich der Untergrund für einen Talsperrenbau nicht eigne. Außerdem sollen im Elpetal noch immer rund vier Millionen Tonnen Erz liegen; auf diese Bodenschätze könne nicht verzichtet werden.

Das Planfeststellungsverfahren für die Negertalsperre nahm seinen unaufhaltsamen Lauf. Im Mai 1982 erteilte Regierungspräsident Grünschläger die Baugenehmigung, 456 Einwände der Einwohner wies er ab. 62 Brunskappeler klagten daraufhin vor dem Verwaltungsgericht Arnsberg gegen den Genehmigungsbeschluß – und gegen Grünschläger. . Sie werfen ihm Befangenheit vor. Er habe sich schon vor fünf Jahren, bevor das Genehmigungsverfahren überhaupt aufgenommen worden war, öffentlich für die Talsperre ausgesprochen. Zudem verbinde ihn eine Duz-Freunascnaft mit dem Geschäftsführer des RTV, Fritz Bergmann. Vor wenigen Wochen fand die Verhandlung statt. Alle Klagen wurden abgewiesen.

Für die Richter war „nicht ersichtlich“, daß der Regierungspräsident in „nicht gerechtfertigter Weise Einfluß auf den behördlichen Gang“ genommen habe. Was die vom RTV vorgetragenen Berechnungen des künftigen Wasserbedarfs betrifft, verwies das Gericht auf ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts von 1978. Danach sei nicht zu prüfen, „ob die der Planungsentscheidung zugrundegelegte Prognose sich aus heutiger Sicht als richtig erweist, sondern ... ob die Prognose mit den seinerzeit zur Verfügung stehenden Erkenntnismitteln ... einwandfrei erstellt worden ist“. Egal also, ob die Daten heute noch realistisch sind oder nicht – Hauptsache, sie kamen irgendwann methodisch korrekt zustande.

Auch andere Klagepunkte wischte die Kammer vom Tisch: Das Recht auf Heimat, die freie Wahl des Wohnsitzes, der Schutz der Familie – all diese im Grundgesetz garantierten Rechte seien keine „absoluten Positionen“, daß sie nicht mit der Wasserversorgung „in einen Abwägungszusammenhang gestellt werden“ könnten.

Mit diesem niederschmetternden Urteil hatten die Brunskappeler nicht gerechnet. Ernst-Georg Schäfer-Wildenberg ist betroffen, mit welcher Kaltschnäuzigkeit das Gericht die Sorgen der Dörfler ignoriert habe: „Die haben geurteilt nach dem Motto: Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und sich kein bißchen bemüht, die Späne so gering wie möglich zu halten.“

Sägewerksbesitzer Engelbert Körner hat bei der Staatsanwaltschaft in Arnsberg gegen die drei Verwaltungsrichter inzwischen Strafantrag wegen Rechtsbeugung, Nötigung und Verletzung der Menschenwürde gestellt. Gegen das Urteil haben die 62 Kläger Berufung beim Oberverwaltungsgericht in Münster eingelegt. Für ihr Dorf wollen sie durch alle Instanzen, bis hin zum Europäischen Gerichtshof in Straßburg.

Doch Eintracht herrscht im Dorf nicht mehr. Neben der Bürgerinitiative bildete sich eine „Interessengemeinschaft“. Auch sie sei gegen die Talsperre, versichert sie, aber man müsse sich den Gegebenheiten beugen. Um nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, möchte sie sich an der Planung von Neu-Brunskappel beteiligen.

22 Dorfbewohner haben ihre Häuser bereits an den RTV verkauft. Die Essener Planer haben ihnen den neuen Ort als künftiges Fremdenverkehrsdorado schmackhaft gemacht. Camping- und Sportplätze, Wassersportmöglichkeiten und vieles mehr würden entstehen. „Die denken“, sagt Schäfer-Wildenberg, „jeder hat dann eine Pension, und keiner muß mehr arbeiten.“

Druck hat die Verkaufsverhandlungen beschleunigt. So verhängte der Regierungspräsident eine „Veränderungssperre“: Für An- und Umbauten werden keine Baugenehmigungen mehr erteilt, für Neubauten schon gar nicht. Außerdem hat der RTV den Dörflern angedroht, daß sie überhaupt kein neues Dorf erhalten, sondern auf andere Ortschaften verteilt werden, sollten sie ihren Widerstand nicht bald aufgeben. Engelbert Körner erzählt, der RTV habe ihm unterderhand eine Million Mark geboten, wenn er einlenke.

Doch dazu sind er und seine Mitstreiter in der Bürgerinitiative nicht bereit. Sie wollen mit allen Mitteln, notfalls auch mit zivilem Ungehorsam, das Talsperrenprojekt aufhalten. Engelbert Körner ist zuversichtlich: „Da wird noch viel Wasser die Neger hinunterfließen.“ Roland Kirbach