Neues deutsches Liedgut steht auf der "Insel der Mitte" hoch im Kurs. Die Jugend von Malta bemüht sich nach Kräften, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Nach Schulschluß werden die Schuluniformen gegen italienische Mode à la Fiorucci ausgetauscht – und ab geht es in die Freizeit, die sich trotz aller gegenteiligen Bemühungen seitens der Beteiligten recht provinziell ausnimmt. Der Geist John Bulls schwebt noch immer über der einstigen britischen Kronkolonie und ihrem "Nachtleben". In die Klassenfest-Atmosphäre des "Stardust", zum Sonnabendtreff der Teenies auf dem "Strand" oder ins "Caffe’ Roma" an der Promenade von Sliema, können auch die besorgten Touristen ihre Töchter entlassen.

Malta ist kein Platz für Massentourismus – dies hat die Küstenlinie der Hauptinsel Malta und der Nebeninseln Gozo und Comino vor hochragenden Hotelbunkern bewahrt. Die junge Republik inmitten des Mittelmeers gilt noch als Insider-Tip, trotz der Anstrengungen der "National Tourist Organization", das Geschäft mit den Urlaubern anzukurbeln. Im Winter sind es größtenteils ältere englische Herrschaften, die sich zwischen Linksverkehr, grellroten "Letter-Boxes" und heimischer Küche mit mehligen Kartoffeln und grasgrünen Erbsen ganz wie zu Hause fühlen. De facto ist das Land zweisprachig: Maltesisch, eine Mischung aus arabischen und romanischen Sprachelementen ist die offizielle Landessprache. Jeder Malteser spricht aber auch Englisch.

Im Sommer ist die Insel vorzugsweise ein Ziel von Surfern, Tauchern und Wasserski-Fahrern. Sandige Strände sind rar – deshalb gedeiht der Pauschaltourismus nicht so recht –, dafür gibt es aber einige kommerzielle Wassersportclubs, die, inmitten perfekter Szenerie an felsigen Buchten gelegen, meist vorzüglich ausgestattet sind. Ein Beispiel ist das "Beachaven" mit Disco und der (für das puritanische Malta, schon fast revolutionären) Erlaubnis für die Damen, das Bikini-Oberteil abzulegen. Im Sommer ist im "Beachaven" die Hölle los. Ernsthafter und ehrgeiziger geht es im "Dragonara Sports Centre" in St. Julians zu, einst eine biedere Tauchschule; mittlerweile können hier aber alle anderen Arten von Wassersport geübt werden. Selbst in diesen beiden renommierten Wassersportzentren ist es aber nicht möglich, eine vernünftige Segelyacht für längere Törns zu mieten. Tagesausflüge auf Dingis, Motorbooten und kleineren Yachten sind mühelos zu arrangieren, wer sich aber mit höheren maritimen Ansprüchen hart am Wind bewegen will, tut gut, sein eigenes Boot mitzubringen. Zwar wird hier – wie von einem Inselstaat in diesem Klima nicht anders zu erwarten – eifrig gesegelt, jedoch nur unter der Flagge des Yacht-Clubs, dem anzugehören einem Ausweis gehobener gesellschaftlicher Stellung gleichkommt.

Wie den Gesprächen an der Bar des "Valetta Yacht Clubs" (ehemals "Royal Malta Yacht Club") zu entnehmen ist, gehören alle Botschafter und Diplomaten auf der Insel diesem Verein Zumindest als Ehrenmitglieder an. Obwohl die Räumlichkeiten, bester englischer Tradition gemäß, "only for members sind, werden Gäste herzlich und freundlich aufgenommen. Der Tresen des feinen Clubs ist eine gut frequentierte Börse für Insel-Klatsch.

Beliebt ist zur Zeit die Geschichte vom Botschafter einer Großmacht, der seinen fälligen Körper auf dem Rückflug von London nach Malta in einen engen Economy-Sitz zwängen mußte, während ein "ordinnary member" des Yacht-Clubs ihm freundlich aus der ersten Klasse zuwinkte. Offenbar so die Interpretation der Barbesucher, mußte der Ambassador diesen Flug ausnahmsweise aus der eigenen Tasche zahlen.

Ebenfalls "full member" ist auch ein deutscher Fabrikant, der seit einigen Jahren auf der Insel lebt und nach dem Genuß zahlreicher Whisky in einer Weise über Juden schwadroniert, die einen schamrot werden läßt. "Er hat ein Herz aus Gold", beruhigt der Clubsekretär, und die anderen Mitglieder, teilweise selbst Juden, hören diskret weg.

Politik ist ein zweischneidiges Thema auf Malta, die Bürger diskutieren ausdauernd und erbittert ihre Innenpolitik. Regierende Sozialisten und opponierende Konservative stehen sich oft Stirn an Stirn gegenüber. Gemeinsam aber wehren sie sich gegen den Vorwurf, ihre Republik werde autoritär regiert: Wir sahen auf ganz Malta tatsächlich weniger Ordnungshüter als auf dem Frankfurter Flughafen. Dies macht sich auch im Straßenverkehr bemerkbar. Kein Mensch käme auf die Idee, beispielsweise die Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzungen zu kontrollieren oder gar Strafmandate an Autofahrer zu verteilen, die nach Einbruch der Dunkelheit ohne Rücklichter über die Insel kurven.

Detlef Jens