ARD, Donnerstag, 24. März: "Das Streitgespräch. Die Pillenprüfer vom Dienst: Wem nützt das Bundesgesundheitsamt?", Carmen Thomas gegen Karl Überla.

Das Kunstherz, sagte der Nachrichtensprecher, als er das Ableben einer zum Versuchskaninchen bestimmten Person namens Clark bekanntgab, funktionierte über den Tod hinaus – und, siehe, das war ein Satz, der in der nachfolgenden Sendung als Leitmotiv hätte dienlich sein können. Patienten sterben oder krebsen – im doppelten Wortsinn – dahin, die Arzneimittel aber, die, mittelbar oder unmittelbar, am Elendslos der Betroffenen schuld sind, bringen Millionengewinne – im Ausland verboten, in der Bundesrepublik rezeptfrei vertrieben: Das war ein zentrales Thema im Streitgespräch zwischen der Journalistin Carmen Thomas und dem Präsidenten des Bundesgesundheitsamtes, Karl Überla.

Warum wird in den Vereinigten Staaten das als gefährlich, weil nebenwirkungsreich erkannte Medikament schneller als hierzulande verboten? Weshalb sieht sich die bewährte Arznei nicht, à la Stiftung Warentest, mit drei oder vier Sternchen bezeichnet? Beipackzettel, auf denen Nebenwirkungen vermerkt sind – verständlich für Bürger mit Hauptschulausbildung? Sechzigtausend niedergelassene Ärzte, pharmakologisch wenig beschlagen – Beuteobjekte von dreizehntausend geschulten Werbern der Pillenfabriken? Präzise gestellte Fragen von Carmen Thomas, besonnene, mit ehrenwertem Zögern artikulierte Antworten des Präsidenten Überla – eines Mannes, dessen Argumentationsart bewies, wie sehr er den geringen Einfluß seines Amtes bedauerte.

Ein Streitgespräch also, das auf geheimer Partnerschaft beruhte – und eben dies gab dem Disput die unterschwellige Verve: Wurde hier gefordert, beschuldigt, verurteilt, so bat man dort um Verständnis, führte Entschuldigungsgründe an, verwies auf Gesetz und bindenden Auftrag ... und machte doch, im Akt der Verteidigung, deutlich, wie schwer’s einer hat (und es leichter haben sollte!), der ein Amt vertreten muß, das von Industrieerwägungen stärker bedroht wird als von den Pressionen jener aufgeklärten Verbraucher, deren Position Frau Thomas bezog. Und wie sie das tat! Wie sie Attacke ritt und ihre blankgeputzten Argumente an die Fahne heftete: glänzend präpariert, fachkundig in jedem Detail, parteilich, aber lernbereit, insistierend ohne eine Spur von Fanatismus. Angriff, durchgeführt mit Eleganz, Charme und dem notwendigen Quentchen Rabulistik: Sehen Sie, da wären wir uns ja wieder einmal eilig, wir beiden. (Man war es durchaus nicht, Carmen Thomas hatte lediglich, nach kurzem Austausch, die bessere eigene Sache zur communis opinio erklärt.)

Die Hohe Schule der Disputation – da war sie noch einmal! Beginnend mit dem Unterstapeln ("Ach, bitte, helfen Sie uns doch, uns schlichten Verbrauchern") über das straffe Von-Punkt-auf-Punkt-Kommen ("Erklären Sie es mir bitte nicht zu lang; ich habe noch andere Fragen") bis hin zur pointierten Frage, die Problemkomplexe auf den Begriff brachte – makellos in jeder einzelnen Phase; der Diskussions-Präsident, wie es ihn einmal in akademischen Streitgesprächen gab, hätte in die Hände geklatscht: Da kam eine wie Jürgen von Manger daher ("Ich hab’ hier so’n Dokument"), redete von "Pilleneinwerfdoktern" – und dann plötzlich, Visier hoch, ging’s im Stil jesuitischer Finassierkunst um Aristolochia und Metamizol, wurde blitzartig repliziert (Präsident: "Das Bundesgesundheitsamt wendet sich an die Pharmaindustrie, die Ärzteschaft und die Verbraucher." – Carmen Thomas: "Was hoffentlich keine Rangfolge bedeutet"). Kurzum, man stellte sich schlicht, um das Schlechte ans Licht zu befördern, und gab ungläubiges Staunen kund, wo es galt, den Millionen der Novalgin-Schlucker und Klosterfrau-Melissengeist-Trinker eine neutrale, aufs Wohl der Allgemeinheit bedachte Aufklärungsinstanz an die Hand zu geben: das Bundesgesundheitsamt.

Ein Lehrfilm für Journalisten: Ja, so muß man es machen, wenn, nach guter Hebammenart, die Wahrheit ans Licht soll. Momos