Ein Lehrstück aus Karlsruhe; Wie ein alter Stadtteil über zwanzig Jahre lang kaputtsaniert wurde

Von Helmut Frei

Was wäre Karlsruhe ohne das Bundesverfassungsgericht und ohne die Bundesanwaltschaft, was wäre Badens Metropole ohne sein Kernforschungszentrum? Ein x-beliebiges Großstädtchen mit etwas über 270 000 Einwohnern. Doch – außer für Juristen und Atomkraftwerker ist Karlsruhe auch für Stadtplaner und Architekten ein interessantes Pflaster. Zunächst wegen der fächerförmigen Stadtanlage und der von Weinbrenner geprägten klassizistischen Bauwerke, dann auch wegen der Sanierung des sogenannten Karlsruher Dörfler.

Das Dome war ein von ärmlichen Handwerkern, Arbeitern und Kleingewerbetreibenden geprägter Stadtteil mitten in Karlsruhe, zwischen Universität und neuem Staatstheater, zwischen Marktplatz im Westen und Durlacher Tor im Osten, Ursprünglich hieß das Dörfle Klein-Karlsruhe und war die Siedlung der Bauarbeiter, die dem Markgrafen seine neue Residenz hinstellen mußten. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis Klein-Karlsruhe in die Stadt eingemeindet wurde. Doch inmitten der wachsenden Großstadt behielt das Dörfle seinen eigenen, kleinstädtischen Charakter, bis 1962 die Bagger anrückten. Im Rahmen einer von ihrer Größe und Brutalität für die Bundesrepublik beispiellosen Quartiersanierung wurde mit der Tradition des Dörfle aufgeräumt.

Eine Bilanz nach zwanzig Jahren fällt kaum gut aus. Im östlichen Teil der Kaiserstraße, jener schnurgeraden Achse der Karlsruher City, fristet, eingespannt zwischen klotzigen Bürgerhäusern des 19. Jahrhunderts, das Häuschen der Familie Schönherr ein kümmerliches Dasein. Bis vor kurzem betrieb hier Gertrud Schönherr ihr Seilerfachgeschäft. „Mein Vorfahr, der ist nach Karlsruhe gekommen, wie die Handwerker nach Karlsruhe gekommen sind, siebzehnhundertungrad“, erzählt Gertrud Schönherr. „Und dann ist’s Geschäft immer in der Familie gewesen, außer einmal. Da ist der Mann früh gestorben, und bis dann sein Bub alt genug war, daß er’s hat übernehmen können, war’s in andre Hand. Sonst war’s immer in Familienbesitz.

Das letzte Wort: Enteignung

Ich habe noch das Bild vor Augen, wie die 65jährige Gertrud Schönherr hinter der Ladentheke steht. Alles klein beieinander. Die Ladentür und das Schaufenster daneben hat sie fest im Blick. Hinter ihr die Tür zur Wohnung, vom Geschäft direkt in die Stube, Der Laden vollgepackt mit Seilen, Stricken, Schnüren, Kordeln, Besen, Bürsten, Bändern, Putzlappen und derben Holzschuhen, Der ältliche Tresor, in dem Gertrud Schönherr herumkramt, wir von ihrem Vater angeschafft worden. Unter einem Stapel von Akten kommt ein Stammbaum zum Vorschein und außerdem eine Photographie, die ihren Großvater und dessen Söhne im Werkstatthof hinter dem Haus zeigt. Den Entschluß, ihr Seilerfachgeschäft aufzulösen, hatte Gertrud Schönherr schon lange gefaßt. Sie wollte nichts wie weg aus dem Dörfle, denn die Sanierung habe ihr altes Dörfle, in dem sie sich wohl fühlte, zerstört.