Ökumenisches Harmoniebedürfnis bescherte österlichen Fernsehern statt eines aufrichtigen Lutherbildes das

Ein Pedant, der nach 205 vom ZDF zu ver - antwortenden Luther-Gedenk-Minuten noch ins Detail gehen mag. Befragen wir den zweiteiligen Luther-Film von Karfreitag und Ostersonntag also summarisch: Warum, beispielsweise, gelingt es ausgerechnet dem Theologie-Professor aus Wittenberg, in kurzer Zeit die Einheit des christlichen Abendlandes bis ins Fundament zu zerstören, während so viele Kirchenkritiker vor ihm nur in den Folianten der Historiker enden? Wie erklärt man dem Publikum, daß Luther nicht kurzerhand auf den Scheiterhaufen gestellt wurde gleich tausend anderen, weiß Gott stilleren Bekennern? Was für eine Figur machte der Fundamentalkritiker vor Papst und Hierarchie, als er das teils vorgefundene, teils eigenhändig angerichtete Chaos zu einer leidlich funktionierenden Kirche organisieren mußte?

In dem österlichen Luther-Epos aus Mainz war für diese Aspekte offenbar kein Platz. Das ist zunächst nicht besonders verwunderlich; wer zweiundsechzig Lebensjahre, die die Welt ziemlich verändert haben, auf dreieinhalb Stunden komprimiert, der muß sich mutig zum Weglassen entschließen. Das Lamento einiger Luther-Kenner gehört zum begrenzten Risiko dieses Geschäfts. Die werden möglicherweise die Romreise des jungen Theologen Luther aus dem Jahr 1510/11 vermissen. Ein Luther-Film ohne ausführlichstes „Turm-Erlebnis“ wird manchem als gewagt erscheinen. Unentbehrlich gilt anderen der weichenstellende Disput Luthers mit dem brillanten Alt-Gläubigen Dr. Eck zu Leipzig. Selbst der Reichstag zu Augsburg, der die Protestanten zur Formulierung ihres „Augsburger Bekenntnisses“ nötigte, findet nicht statt.

Dafür läßt Regisseur Rainer Wolffhardt reichlich Zeit, den Zeremonien bei Luthers Aufnahme in den Orden beizuwohnen. Irritiert durften wir auch Zeuge werden, wie der künftige Reformator sich – gottlob ohne Teppich in der nackten Zelle – auf dem Boden in Glaubenskrämpfen wand. Ansonsten entschädigt Autor Theodor Schübel für allfällige Weglassungen durch liebevolle Szenen aus dem Leben des Bruders Martin, von denen manche Historiker nicht mehr so sicher sind, ob sie überhaupt stattgefunden haben.

Und – zu fürchten war es ja – unmerklich erstand so doch wieder der aus Kindergottesdienst und schlechtem. Religionsunterricht vertraute Reformator, der heroische Kämpfer gegen Papst und Pomp, Tetzel und Teufel, der Geschichte gemacht (tat, ohne selbst durch bizarre bis banale Konstellationen der Geschichte erst möglich gemacht worden zu sein.

Die Papstkirche reduziert sich, biedere Protestanden wird’s nicht verwundern, wieder auf die Karikatur vom Hof des Stellvertreters Christi: Eigentlichmüßte jeder Anständige dem Ruf aus Wittenberg folgen.

In Maßen durchbrochen wird der heimelige Bilderbogen aus Wittenberg nur ein einziges Mal: beim quälenden Kapitel „Luther und die Bauern“. Thomas Müntzer bekam – ein starker Punkt für den Luther-Film aus Mainz – jenen Respekt geden ihm traditionelle Luther-Apologeten gerne verweigern.