Weil die Sandinisten ihr Demokratie-Versprechen nicht einhielten, greifen Oppositionelle zu den Waffen

Von Detlef von Appunn

Ronald Reagan machte es sich leicht. Nach einer fünftägigen Debatte des Weltsicherheitsrates über Nicaragua, die ohne Beschluß in der vorigen Woche endete, erklärte er kühl: „Wir sehen jetzt, daß die anderen revolutionären Fraktionen zurückschlagen, die bisher von jeder Beteiligung an der Regierung ausgeschlossen wurden.“ Die regierenden Sandinisten in Managua sehen es anders: Die seit Anfang März anhaltenden Kämpfe im Norden Nicaraguas werden, so klagen sie an, von den Vereinigten Staaten organisiert und mit Waffen, Geld und Informationen unterstützt; das von Washington finanziell abhängige Honduras stelle die Aufmarschräume und Trainingslager für die Contras zur Verfügung. Es handele sich nicht um einen Bürgerkrieg oder „um Aktivitäten einer unzufriedenen Bevölkerung, sondern vielmehr um eine neue Eskalationsstufe der von den USA betriebenen Destabilisierunespolitik“.

Beide Seiten haben recht. In Nicaragua kämpfen Exil-Nicaraguaner gegen nicaraguensische Truppen, und jede Seite hat sich der Hilfe einer Großmacht versichert. Weil der Nordteil des Landes gebirgig und unzugänglich ist, finden zwei „Kriege“ statt – ein Propagandakrieg, in dem die Erfolge und Einsätze beider Seiten maßlos übertrieben werden, und ein realer, der lebhaft an den Befreiungskampf der Sandinisten gegen die Diktatur Somozas 1978/79 erinnert. Damals wie heute versuchen die Rebellen, „befreite Zonen“ zu schaffen und die Armee zu einer Zersplitterung ihrer Kräfte zu zwingen, ihr jene Niederlagen zu bereiten, die eine zögernde Bevölkerung davon überzeugen sollen, daß der Sieg der Befreiungsbewegung sicher ist. Damals freilich wurde der „Stellvertreter-Krieg“ vermieden, der jetzt aufflammt.

Schlachtfeld Mittelamerika?

Die Entscheidung darüber fiel schon vor Monaten, als bewaffnete Regimegegner erst vereinzelt, später massiert von Honduras aus über die grüne Grenze nach Nicaragua einsickerten um das nach der „Revolution“ von 1979 installierte Linksregime zu stürzen. Lange Zeit spielten die Sandinisten die Kampfhandlungen zwischen Rebellen und Regierungseinheiten herunter. Anfang März begannen etwa 2500 Contras mit kombinierten Aktionen, und die Regierung in Managua richtete einen Hilferuf an die Vereinten Nationen. Die Situation ist kritisch geworden. Die Bühne scheint frei für ein neues, blutiges Drama in der Geschichte eines Landes, das seit 50 Jahren seine Besten in Bürgerkriegen opfert.

Doch das jüngste Drama kann leicht den nationalen Rahmen sprengen und ganz Mittelamerika in ein Schlachtfeld verwandeln. Die heimischen Akteure haben ihre Rollen vertauscht; wer der Gute oder der Schlechte ist, hängt vom ideologischen Standpunkt des Betrachters ab. Doch alle sind abhängig von den Großmächten, die aus sicherer Entfernung diesen Schauplatz des Ost-West-Konfliktes beobachten.