Sinkende Ölpreise machen Wachstumsraten möglich, die höher sein können, als gemeinhin angenommen wird.

Lage und Stimmung sind zum erstenmal seit langem wieder freundlicher, sagte Wilfried Guth, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, kürzlich bei der Vorlage des Jahresabschlusses. Und er fügte hinzu: „Die Stimmung eilt allerdings der Lage voraus.“ Die Euphorie, die gelegentlich zu spüren ist, findet tatsächlich in der Realität noch Keine Stütze. Sicher ist nur, daß die lange Talfahrt der Wirtschaft um die Jahreswende zu Ende gegangen ist.

Das ist zwar erfreulich, gibt aber noch nicht zu großen Hoffnungen Anlaß. Daß sich aus den ersten schwachen Zeichen einer wirtschaftlichen Belebung ein kräftiger Aufschwung entwickelt, in dessen Verlauf auch die Zahl der Beschäftigten zunimmt, ist noch nicht zu erwarten.

Woher sollte solch ein Wachstumsschub auch kommen? Die Bundesregierung hat zwar einige Absichtserklärungen abgegeben und einige Grundsatzentscheidungen getroffen. So hat sie den Zuwachs bei den Ausgaben des Haushalts 1984 auf nicht mehr als drei Prozent begrenzt, die Höhe der Nettoverschuldung auf 40 Milliarden Mark festgelegt und verkündet, keine neuen Steuererhöhungen zu beschließen. Aber das harte Geschäft der Ausgabenkürzung in der Größenordnung von sechs bis sieben Milliarden Mark, das notwendig ist, damit diese Eckwerte nicht Makulatur werden, hat sie bisher vor sich hergeschoben. Die Stimmung blieb gut, mehr nicht. Neue Impulse für eine Wiederbelebung lassen sich im Inland noch nicht entdecken.

Man muß schon nach draußen schauen, wenn man fündig werden will. Da ist zunächst der Aufschwung in den Vereinigten Staaten, der unserem Export zugute kommen wird. Der starke Dollar verschafft unseren Exporteuren obendrein einen Preisvorteil im internationalen Wettbewerb. Da sind es aber vor allem die fallenden Ölpreise, die sich auf die Weltwirtschaft insgesamt positiv auswirken werden. Davon kann die deutsche Wirtschaft nicht unberührt bleiben.

Die explodierenden Ölpreise der siebziger Jahre wirkten deflationär, weil sehr viel Geld in die ölexportierenden Länder umgelenkt wurde, das in den ölverbrauchenden Ländern fehlte. Bei fallenden Ölpreisen werden jetzt expansionistische Impulse ausgelöst – und zwar genau zur richtigen Zeit.

Ein Preisrückgang um fünf Dollar für das 159-Liter-Faß wird die reale Kaufkraft in den Ölverbraucherländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) steigen lassen und könnte nach einer Berechnung der Morgan Guaranty Bank ist diesem Jahr ein reales Wachstum von einem halben Prozent auslösen. Die Inflationsraten würden um ein halbes Prozent, möglicherweise sogar um ein ganzes Prozent sinken. Damit würden die Inflationserwartungen geringer werden, wodurch wiederum niedrigere Zinsen möglich werden.